Rasender Stillstand

 

Wir leben in Zeiten, in denen alle das Gefühl haben, in der vorhandene Zeit nicht mehr alles erledigt zu bekommen. Subjektiv gesehen meinen wir, dass unsere Arbeit immer mehr und die Zeit immer weniger werden. Mit der Digitalisierung verstärkt sich dieser Eindruck noch mehr.

Welche Bedeutung hat für uns die Digitalisierung? Hier schlage ich eine vielleicht auf den ersten Blick etwas ungewöhnliche Definition vor: Digitalisierung bedeutet, dass wir eine Verbindung schaffen zwischen einer Beschleunigung, was Routineprozesse anbelangt, und einer Entschleunigung, was den menschlichen Kontakt angeht. Wie ist es zu dieser Form von Digitalisierung gekommen? Und wieso glauben wir, dass es eine gute Idee ist, alles schneller zu gestalten? Der Wunsch von Menschen, schnell und flexibel sein zu wollen, hängt vor allem mit unserer Vorstellung von Freiheit und Glück zusammen. Wenn also Beschleunigung etwas mit unserer Vorstellung von Glück zu tun hat, warum fühlen wir uns von ihr zunehmend belastet?

Wenn wir das Phänomen der Beschleunigung genauer betrachten, dann ist Beschleunigung per se ja nicht etwas Schlechtes und Entschleunigung per se etwas Gutes. Wenn der Notarzt schneller kommt, ist das sicher gut. Wenn mein Computer eine schnelle Internetverbindung besitzt, ist das auch besser, als wenn diese Prozesse langsam ablaufen. Die technischen Errungenschaften von der Dampfmaschine zur industriellen Revolution bis hin zur heutigen Digitalisierung sind auch Antworten auf unseren Wunsch nach Beschleunigung. Offenbar wollen wir das Lebenstempo erhöhen und damit die Zeit verkürzen. Es ist also nicht die Technik, die dafür verantwortlich ist, dass wir immer weniger Zeit zu haben. Vielmehr ist es unser Wunsch, Zeit zu sparen. Nachdem die Wachstumsideologien der Wirtschaft uns immer weiter angetrieben haben, machen sich auch die Schattenseiten dieser Entwicklung stärker bemerkbar für uns. Wir treten einerseits auf der Stelle und sollen andererseits uns stetig steigern. Dieser Zustand kann sehr schön mit der Metapher des rasenden Stillstandes gefasst werden.

Dass wir überhaupt von der Zeit als Phänomen und damit als Maßeinheit sprechen, ist der Tatsache geschuldet, dass wir gelernt haben, Zeit in Geld zu verrechnen. Menschen, die mit und in der Natur leben, denken über Zeit überhaupt nicht nach. Bis vor 600 Jahren, als die Zeit und die mechanische Uhr erfunden wurden, die uns eher eine abstrakte Vorstellung von Zeit ermöglichten, haben die Menschen nicht etwa über Zeit, sondern über das Wetter gesprochen. Wetter und Zeit waren der gleiche Begriff. In den romanischen Sprachen ist das auch heute noch so. Seitdem wir aber Zeit in Geld verrechnen, versuchen wir in der Logik »Zeit ist Geld« die uns umgebende Zeit zu beschleunigen. Und diese Beschleunigung fällt uns heute auf die Füße. Hierbei spielt es eine erhebliche Rolle, dass wir uns in einem kapitalistischen System befinden. Kapitalistische Systeme neigen dazu zu glauben, dass sie sich genau dann stabilisieren, wenn sie sich steigern. Wir müssen wachsen, wir müssen permanent innovieren und beschleunigen, damit wir unsere ökonomische Struktur erhalten können: Stabilität in dieser Vorstellung kommt nur durch Dynamik zustande. Moderne Gesellschaften sind also so verfasst, dass sie sich nur durch Steigerungen erhalten. Für uns als Individuen wirkt sich das dergestalt aus, dass wir permanent beschleunigen müssen, um Schritt zu halten.

Doch was ist der Grund, dass wir uns einer solchen Wachstumsideologie verschrieben haben? Der Hauptantriebsfaktor des Menschen, sich der Beschleunigungsdynamik zu überantworten, ist nicht die Gier, sondern vielmehr die Angst davor, den Anschluss zu verpassen. Wir schreiben uns lange To-do-Listen, weil glauben, alles erledigen zu müssen, um mithalten zu können. Moderne Gesellschaften haben die fatale Tendenz, alles, was sie zu verteilen haben, im Modus des Wettbewerbs zu vergeben. In diesem Wettbewerb geht es nicht nur um Jobs und Ruhm, sondern eben auch um Freundschaften, Liebespartner und um Statuts im Allgemeinen – wer mit wem befreundet ist oder wer wen als Lebenspartner hat und wer welchen Status genießt und wer welche Anerkennung gewinnt, scheint einen Vorteil gegenüber den anderen zu besitzen. In der Zeitdimension ist das Wettbewerbsprinzip geradezu verheerend, da Wettbewerb Zeit notorisch verkürzt. Wir sagen zum Beispiel die Konkurrenz schläft nie und so empfinden wir das auch. Wann immer wir es versäumen, uns sozial, kulturell oder in Bezug auf unsere körperliche Fitness zu optimieren, geraten wir ins Hintertreffen auf all den Feldern, auf denen wir konkurrieren.

Wegen des hohen Drucks am Arbeitsplatz gehen viele Beschäftige fahrlässig mit ihrer Gesundheit um. Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung legt ein Viertel der Befragten ein zu hohes Arbeitstempo vor. 18 % stoßen an ihre Leistungsgrenze, 23 % machen keine Pausen. Jeder Achte kommt sogar krank zur Arbeit. Der Grund sei der steigende Ziel- und Ergebnisdruck. Jeder Dritte weiß nicht mehr, wie er den Ansprüchen gerecht werden kann. In den vergangenen zehn Jahren hat die Zahl derer um die Hälfte zugenommen, die wegen psychischer Erkrankungen krankgeschrieben wurden.

Die Zeit in Geld zu verrechnen ist der momentane Ausgangspunkt unseres Gesellschaftssystems. Und die Verrechnung eben jener Faktoren ist nach meiner Überzeugung ein Angebot der Maßlosigkeit. Warum? Geld kennt kein Genug. Es gibt kein Ende des Geldverdienens. Das heißt, man kann aus Geld immer noch mehr Geld machen und aus Zeit durch Beschleunigung ebenso mehr Geld produzieren. Das bedeutet, wir leben in einer Welt, die uns permanent Maßlosigkeit anbietet. Der Mensch hat aber ein Maß: das ist sein Ende, sein Tod.

Kapitalismus jedoch hat kein Ende. Man findet in keinem Buch einen Hinweis darauf, wann es zu Ende ist mit dem Kapitalismus oder wann er sein Ziel erreicht hat. Das wiederum heißt, dass der Mensch, der sein endliches System (Tod) kennt, in einer Umwelt lebt, die auf Unendlichkeit aus ist, die kein Ende kennt. Das ist in meinen Augen vor allem das Ursprungsproblem unserer eben beschriebenen Ausgangslage.

Die Vorstellung, dass wir die Souveränität über unsere Zeit gewinnen müssten, also selber entscheiden, wann wir was tun wollen, ist leider eine irrige Vorstellung. In gewisser Weise fallen wir alle individuell und auch kollektiv immer wieder darauf herein, zu glauben, dass diese Souveränität uns Freiheit bringt. Wir denken, wenn wir mehr Möglichkeiten haben, dann werden wir selbstbestimmter und damit eben auch glücklicher und freier leben können.

Die To-do-Listen, die wir uns alle im Geiste permanent schreiben, werden immer länger und länger und am Ende des Tages steigen wir alle als schuldige Subjekte ins Bett, weil wir diese To-do-Liste eben niemals abgearbeitet bekommen. Wir wissen, dass es andauernd tausend Dinge gibt, von denen wir legitimer Weise sagen müssen: Eigentlich hättest Du das heute erledigen müssen. Beispielsweise hätte ich mich heute mehr bewegen müssen. Jeder, so heißt es ja, soll am Tag 10.000 Schritte tun, aber wer schafft das schon? Wenn ich die 10.000 Schritte vielleicht schaffe und dann auch noch ein bisschen Yoga getrieben habe, dann habe ich mich wahrscheinlich nicht genug um meine Familie gekümmert und dann stelle ich fest, dass ich ein schlechter Ehemann oder ein schlechter Vater bin oder ein schlechter Sohn, der sich nicht genug um seine kranken Eltern kümmert. Und das Fatale ist, dass für all diese Schuld, die wir auf unsere Schultern laden, es keine Entlastung gibt.

Die Frage ist, ob wir es schaffen, mit den Widersprüchen, die uns umgeben, eines Tages gut umzugehen und sie zu akzeptieren oder ob wir im permanenten Widerstand gegen sie leben wollen. Ich stelle ja auch manchmal fest, dass ich etwas anderes mache als das, was ich in meinen Seminaren sage. Und ich stelle gleichzeitig fest, dass ich ganz gut mit meinen Widersprüchen umgehen kann und dass ich sie auch gar nicht wirklich ändern möchte. Ich merke, dass ich z. B. schnell esse und dann frage ich mich aber auch, muss ich mich permanent erziehen oder esse ich nicht einfach so, wie ich es eben tue, und ist das nicht in Ordnung? Diese Frage mir zu stellen, habe ich nicht immer Lust. Ich lache auch ganz oft über meine Widersprüche und denke mir, dass ich sie eigentlich gar nicht ändern möchte.

Ohne die Angst vor dem Tod hätten wir kein Zeitproblem, aber auch kein Beschleunigungsproblem. Auf der Seite des Subjekts muss man sich das so vorstellen, dass es immer ein panisches Weglaufen vor unserer eigenen Endlichkeit gibt. Die Frage ist, wie man mit diesem Spannungsfeld gut umgeht. Das Entscheidende ist wohl, dass wir die Qualität unseres Lebens nicht in erster Linie an dem, was wir haben oder was wir erreicht haben, messen, sondern an der Qualität unserer Beziehungen. Glück oder vielmehr das gelingende Leben ist nicht ein emotionaler Zustand, der vom Erreichen von irgendetwas abhängt, sondern eine Beziehungsform.

Ihr Trainer

Dr. Oliver Ernst
Trainer, Berater und Coach (Büro Berlin)

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