Interview mit Walter Wölfle: Emotionale Intelligenz – Eine wichtige Schlüsselkompetenz für Führungskräfte im digitalen Zeitalter


Was versteht man unter »Emotionaler Intelligenz«?
Emotionale Intelligenz (E.I.) ist eine dynamische Intelligenzform, die Fühlen, Denken und Handeln verbindet. Vor allem geht es dabei um die Kapazität, unsere eigenen Gefühle und die der anderen zu erkennen, uns selbst zu führen und mit unseren Gefühlen und denen der anderen angemessen umzugehen.

Ist Emotionale Intelligenz eine Persönlichkeitseigenschaft oder eine Kompetenz wie die klassische Intelligenz?
E.I. ist sowohl eine Kompetenz als auch Ausdruck grundlegender Persönlichkeits-eigenschaften. Intelligenz hat ja viel mit Wissen, mit Bewusstheit und Kreativität zu tun. Wenn ich mich emotional intelligent verhalte, geht es ganz praktisch darum, dass ich Zugang zu mir habe, dass ich mich zurechtfinde in der komplexen, oft verborgenen inneren Welt von Gefühlen, Neigungen, Antrieben und Reaktionen – und dies bewusst nutzen und einsetzen kann in meinem Verhalten, im Sinne meiner Ziele. An dieser Stelle spielt Rationales und Emotionales, Angelegtes und Erworbenes zusammen und muss nicht künstlich getrennt werden.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Emotionale Intelligenz für den Lebens- und Berufserfolg?
Gerade dies ist einer der großen Verdienste von Daniel Goleman, der den Begriff E.I. mit seinem Bestseller 1995 salonfähig gemacht hat. Er konnte in einer großen Untersuchung bestätigen, dass der Einsatz persönlicher Kernkompetenzen wie Selbstwahrnehmung, Selbstführung und Empathie die eigene Wirksamkeit erhöht und eine hohe Relevanz für den beruflichen Erfolg im Vergleich zu den Fertigkeiten rationaler Intelligenz (I.Q.) darstellt. Er räumte auch auf mit dem Mythos, es gebe rein sachliche Entscheidungen und warf neue Fragen zum Wechselspiel von Emotionalität und Rationalität auf. Wir erleben seit zwei Jahrzehnten viel Forschung in diesem Bereich. Gerade neue Erkenntnisse aus dem Feld der Hirnphysiologie (A. Damasio, J. LeDoux), der Neurobiologie und der Emotionsforschung (P. Ekman) machen deutlich, welche zentrale Rolle die Emotionen für unser Leben haben. Sie können uns im Denken und Agieren hemmen und beschränken wie auch beflügeln als Kernelement für unser erfolgreiches Handeln.

In welchen Berufssituationen nutzt sie uns? Können sich Emotionen mitunter auch als nachteilig erweisen?
Natürlich. Menschen, die ihre Emotionen einfach nur so ausleben, ganz unreguliert und unreflektiert, werden dadurch in schwierige Wechselwirkungen mit anderen gelangen.
Gerade in Situationen emotionalen Handelns nutzt es uns, wenn wir frühzeitig unsere Stimmungen und Gefühlsreaktionen wahrnehmen und darauf Einfluss nehmen können. Ich bin davon überzeugt, eine gute Selbstführung und Führung überhaupt kann unter Berücksichtigung von Motiven und Gefühlen gelingen, die unserem Verhalten zugrunde liegen. Dies ist relevant, wenn wir Entscheidungen treffen, wenn wir persönlich gefordert sind wie z. B. in Verhandlungen, in Team- und Gruppensituationen. In Zeiten hoher beruflicher Veränderungsgeschwindigkeit sind wir zudem darauf angewiesen, andere in ihren Emotionen, Absichten und Interessen zu verstehen. Wie könnten wir sonst flexibel genug und langfristig überzeugend sein, gerade dann, wenn man nicht mehr aus der klassischen Vorgesetztenebene bestimmen und verordnen kann.

Wie finde ich Zugang zu meinen eigenen Emotionen und wie zu den Emotionen anderer?
Grundlage dafür ist eine gute Selbstwahrnehmung und die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren. Nur so kann ich Einfluss nehmen auf meine Reaktionen und Stimmungen und »das Steuer selbst in die Hand nehmen«. Der Schlüssel, der Zugang zu den Emotionen anderer verschafft, heißt Empathie. Empathische Menschen erkennen die Emotionen, die Absichten und Neigungen ihres Gegenübers, berücksichtigen diese und können damit umgehen. Dies verlangt viel bewusstes Üben, eine gewisse Sensibilität und gute Aufmerksamkeit. Fast wichtiger dabei ist die innere Haltung und eine Bereitschaft, sich anders auszurichten. In Verbindung mit meiner Empathie stehe ich täglich auf einer neuen Übungswiese und entdecke meine Grenzen – und auch neue Möglichkeiten.

Haben Emotionen einen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit? Und wenn ja, welchen?
Gefühle sind der Basisstoff für das, was uns motiviert und wohin wir zielen. Sie bewegen uns und geben Orientierung. Mit dem richtigen Antrieb, Interesse oder gar Begeisterung fürs eigene Tun fällt es natürlich leichter, leistungsfähig zu sein. Gerade langfristig gesehen geben positiv besetzte Emotionen den spürbar frischen Rückenwind für die oft täglich geforderte Leistungsbereitschaft – neben der nötigen Disziplin und Ausdauer.

Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio bezeichnet den Körper als »Bühne der Emotionen«. Was ist damit gemeint?
Vor allem Damasio hat erforscht, wie emotionale Einschätzungsprozesse bei uns Menschen ständig, unbewusst und sehr schnell ablaufen, um äußere und innere Ereignisse zu bewerten und weiter zu leiten. Der Körper spielt dabei eine zentrale Rolle, da wir erst durch körperliche Empfindungen – angenehme oder unangenehme Körpersignale – und durch Veränderungen, die körperlich markiert sind, unsere Emotionen wahrnehmen und bewerten können. Es lohnt sich daher sehr, seine Körperwahrnehmung zu verbessern. Achtsamkeit für Empfindungen des Körpers lassen uns Gefühle bewusster und deutlicher spürbar werden (u. a. Körper als Frühwarnsystem). Oft unterschätzt, in meiner Arbeit aber eine wichtige Rolle spielt der Faktor, ob Menschen eine körperliche Vorstellung und Kraft für wünschenswerte Zielstellungen differenziert fühlen können. Alles, was körperlich verankert ist, wirkt nachhaltiger!

Sie sind auch als Coach im internationalen Profisport tätig. Welche Hochleistungssportler und Vereine haben Sie bislang betreut?
Aktuell bin ich engagiert bei der deutschen Leichtathletik Nationalmannschaft und betreue neben einzelnen Athleten auch Trainer und Teams. In den vergangenen Jahren konnte ich auch Erfahrungen in der Basketball Bundesliga und in der Fußball Bundesliga sammeln. Ich war mal Assistenztrainer bei München 1860 (damals 1. Liga) und danach persönlicher Coach des Cheftrainers bei Hertha BSC Berlin. Spezielle Betreuungsaufgaben möchte ich an dieser Stelle nicht nennen.

Was ist das Ziel des sportpsychologischen Trainings bzw. Coachings?
Sportpsychologisches Coaching im engeren Sinne unterstützt Athleten (und Trainer) darin, in ihrer Disziplin auf den Punkt hin leistungsstark zu sein. Dies verlangt, optimal mit Stresssituationen umzugehen, Störendes aus zu blenden, wichtige Abläufe im Kopf durch zu spielen und zu trainieren und nicht zuletzt, auf Kommando locker zu bleiben. Im weiteren Sinne gehört dazu, individuelle und systemische Hilfestellung zu geben für die Bearbeitung und Lösung der vielfältigen Probleme und Störfelder des Alltäglichen.

Wie entscheidend wirkt sich die mentale Verfassung auf die Leistungsfähigkeit aus?
Diese Frage beantwortet sich fast von selbst. Wer kurz vor dem Wettkampf oder gar im Wettkampf nachgrübelt, mit sich oder den Bedingungen hadert, wer verzweifelt Gedanken wälzt oder seinen Ärger nicht in Wettkampflust verwandeln kann, hat schlechte Karten und wird nicht erfolgreich sein.

Ist mentale Stärke eine Frage des Intellekts? Gibt es Menschen, die sich in diesem Bereich besonders talentiert zeigen?
Nein, das kann ich nicht bestätigen. Ich habe in verschiedenen Tätigkeitsbereichen Menschen kennen gelernt, die mental sehr fit, aber nicht gleichermaßen die »hellsten Köpfe« waren. Und es gibt Menschen von großem Intellekt, die zerfahren wirken und mental nicht gut ausgerichtet sind.

Kann tatsächlich jeder Mensch mentale Stärke entwickeln? Gibt es förderliche Persönlichkeitseigenschaften für diese Kompetenz? Oder welche Rolle spielt die genetische Veranlagung?
Das ist eine komplexe Thematik und wird entsprechend in der Wissenschaft brisant beforscht, gerade was die Relevanz einzelner Persönlichkeitseigenschaften für erfolgreiches mentales Training betrifft. Und sicherlich gibt es Menschen, die in ihrer Persönlichkeit von Grund auf besonders stressresistent sind, sich unter hoher Belastung mental gut ausrichten können und ihre Kräfte bündeln, ohne dass sie dafür viel trainieren.

Was können Führungskräfte und Manager von Leistungssportlern lernen, um im beruflichen Zehnkampf erfolgreich zu sein?
Viele Dinge lassen sich natürlich nicht 1:1 übertragen. Wo Spitzensportler wirklich stark sind und Führungskräfte oft Lernbedarf haben, zeigt sich bei hohen Anforderungen und unter Druck:

  • sich schnell und gut entspannen können,
  • die Selbstansprache bewusst und konstruktiv nutzen,
  • sich optimal regulieren und konzentrieren können,
  • den Körper differenziert wahrnehmen.
     

Gibt es Grenzen, an die Sie beim Coaching stoßen oder die für Sie wichtig zu beachten sind?
Selbstverständlich gibt es da Grenzen. Wenn mittendrin oft Hindernisse oder Grenzposten auftauchen, ist das oft ein Hinweis darauf, dass wichtige Kräfte im »inneren oder äußeren System« des Coachees beachtet oder berücksichtigt werden wollen. Da ist es hilfreich, den Prozess zu entschleunigen und aufmerksam zu sein für Feinheiten. Das gilt auch für das Erleben eigener Grenzen und Engpässe als Coach. So versuche ich natürlich auch, meinen eigenen »inneren Film« im Blick zu behalten, um erstmal besser zu verstehen (bin ich gerade total identifiziert mit der einen oder anderen Seite, bin ich überengagiert und will das Problem abnehmen oder werte ich die Thematik irgendwie ab und welche Emotionen hängen da dran), bevor ein nächster Schritt kommt. Also, die respektvolle Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Grenzen im Coaching ist das Salz in der Suppe.

Wie viel Nähe bzw. Distanz halten Sie zu der Person, die Sie betreuen?
Im Coachingprozess kann der Kontakt sehr intensiv und dicht sein. Das ist natürlich abhängig von der Vertrauensbasis. Im Sportcoaching halte ich mich eher im Hintergrund auf, je näher der Wettkampf rückt oder im Wettkampf selbst. Athleten oder  Trainer sollen, »wenn’s drauf ankommt«, möglichst selbständig agieren können. Weniger ist da oft mehr!

Was zeichnet einen guten Coach aus?
Neben der methodischen Ausrichtung, die der Coach vertritt, stehen für mich reichhaltige Erfahrung und die Fähigkeit, immer wieder die Perspektive zu verändern, im Vordergrund. Wesentlich ist, wie präsent und authentisch er ist. Was sagt er und was tut er, taugt er als Vorbild? Das ist einerseits total banal und andererseits schwer beschreibbar.

Welchen pragmatischen und konkreten Nutzen können die Teilnehmer Ihrer Seminare »Emotionale Intelligenz und Führung« und »Höchstleistung gezielt abrufen« in ihren Lebens- und Berufsalltag mitnehmen?
Der Nutzen des Seminars »Emotionale Intelligenz« ist seit Jahren erprobt. Die eingangs besprochenen persönlichen Kernkompetenzen können durch Training und individuelles Coaching entwickelt werden. Ein nachhaltiger Transfer in den beruflichen Alltag wird in einem Lernfeld wirksam, das emotionales Erleben der Teilnehmer unterstützt, auf authentische Wirkung baut und wiederholte Erfahrungen schafft. In Begleituntersuchungen zum Training ergibt sich einhellig, dass sich viele Teilnehmer danach in heiklen Situationen gelassener und sicherer erleben und dass sie früher und genauer bemerken, was in ihnen unter »Wettkampfbedingungen« ausgelöst wird. Im Seminar »Mentale Höchstleistung erzielen und erhalten« profitieren die Teilnehmer von mentalen und selbst-stärkenden Methoden zur Unterstützung ihrer Leistungsfähigkeit, die sich handfest in den Arbeitsalltag integrieren lassen. 

Welche herausragende Persönlichkeit würden Sie gerne kennen lernen und warum?
Sorry, damit beschäftige ich mich wenig! Sir Ernest Shackleton hätte ich bestimmt gerne kennen gelernt und auch Charles Chaplin.

Welche Erfindung bewundern Sie am meisten?
Die Relativitätstheorie.

Bei welchem Ereignis wären Sie gerne dabei gewesen?
Es gibt viele überwältigende Ereignisse in der Welt, die mir in den Sinn kommen. Ich empfinde jedoch nicht, etwas Wichtiges verpasst zu haben.

Was halten Sie für Ihren größten Erfolg?
Meine Lebensfreude und die Freiheit, viele Dinge zu tun, die mir wichtig sind.

Worauf möchten Sie in Ihrem Leben auf keinen Fall verzichten?
Auf Zeit, auf die Beziehung zu Familie und Freunden.

Was verstehen Sie unter Glück?
Zufriedenheit und Momente, wenn man trotzdem lacht.

Was ist Ihr persönlicher Lebenswert?
Gesundheit. Körperlichkeit. Frust und Freude darüber, die Dinge des Lebens immer wieder loszulassen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Christina Kral-Voigt, Leitung Seminare I Seminarberatung

Ihr Trainer

Walter Wölfle
Selbstständiger Trainer, Coach und Berater, Psychologischer Psychotherapeut

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