Interview mit Gerhard Herb: Menschliche Wirkkräfte und das Ermöglichen eines Mehr an Füreinander


Seit wann sind Sie beim MCSL und was hat Sie bewogen, gerade dort als Trainer zu arbeiten?
Ich bin seit 1992 beim MCSL und habe dort den Unternehmensbereich Seminare und Beratung mit aufgebaut, den ich seit 1994 verantwortlich leite. Es gab viele gute Gründe, mich in Lautrach zu bewerben. Zuerst die Faszination des Schlosses mit seiner beeindruckenden Geschichte – ein Ort der Bildung und Begegnung. Dann die Gründungsidee: Den Mensch (wieder) in den Mittelpunkt wirtschaftlichen Handelns zu nehmen. Eine Führung zu lehren, die basiert auf der Verknüpfung der Forderung des Menschen nach Freiheit, Achtung und Selbstverantwortung mit dem notwendigen wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens.

Ein weiterer Grund für meine Bewerbung war die Aussicht, ein Unternehmen neu mit aufbauen zu dürfen, eigene Ideen verwirklichen zu können, mich gestaltend für etwas einsetzen zu können, von dessen Sinn und Notwendigkeit ich zutiefst überzeugt war und bin. Zuletzt liebe ich es, in überschaubaren Strukturen zu wirken, mit schnellen Entscheidungswegen und großer Nähe zu den mitarbeitenden Menschen.

Was sind Ihre thematischen Schwerpunkte im MCSL?
Ich habe fünf thematische Schwerpunkte: Leitung von persönlichkeitsbildenden Seminaren zu den Themenkreisen Selbst- und Menschenführung für Nachwuchskräfte und etablierte Führungskräfte; persönliches Coaching von oberen Führungskräften; Durchführung von Potenzialeinschätzungen und Eignungsbegutachtungen; Leitung von Teamentwicklungs- und Konfliktklärungsworkshops sowie die Beratung von Unternehmen und Institutionen aus Wirtschaft und Verwaltung in Fragen der Personal- und Organisationsentwicklung.

Was begeistert Sie am Beruf des Trainers?
Im Grunde genommen habe ich im Management Centrum drei „Jobs“. Ich bin Trainer, Leiter eines Unternehmensbereichs mit über 10 Mitarbeitern und Mitglied des Führungskreises. Diese Vielfalt an Aufgaben ist es, die mich reizt und immer wieder begeistert. Und es tut meiner Arbeit als Führungskräftetrainer gut, täglich selbst in dieser Herausforderung zu stehen, mit Menschen anspruchsvolle Ziele zu erreichen. Am Beruf des Trainers berührt mich immer wieder die Arbeit mit Menschen, die auf der Suche sind. Auf der Suche nach sich selbst, nach ihrer Aufgabe im Leben, nach dem Sinn ihres Lebens oder ihrer Tätigkeit, nach mehr Balance im Leben, nach mehr Fülle und Erfüllung, nach dem ihnen gemäßen Stil von Führung, nach Möglichkeiten trotz hoher Belastung und Anspannung wertschätzend mit Mitarbeitern umzugehen. Darüber hinaus bekommt man in keinem anderen Beruf so unmittelbar Rückmeldung zum eigenen Tun als im Trainerberuf und – man kann sich im Miteinander mit den Teilnehmern ständig selbst weiter entwickeln.

Wann ist für Sie ein Seminar | Training ein Erfolg?
Eine Veranstaltung ist für mich dann ein Erfolg, wenn Teilnehmer aus ihrer eigenen Einschätzung heraus einen Schritt weiter im Leben gekommen sind; d.h. ein Stück fähiger geworden sind, konstruktiv mit den Lebens- und Führungsherausforderungen umzugehen. Ein Erfolg ist es, wenn Menschen sich auf unsere Impulse einlassen können, ihr Herz öffnen und sich berühren lassen. Wenn ein Mensch seine (wahre) Größe erfasst und sich seiner Wirkkräfte bewusst wird. Wenn Menschen fähiger werden, mit Unterschiedlichkeit und Andersartigkeit umzugehen. Wenn ihnen das Herz aufgeht und sie sich mehr auf andere einlassen können. Wenn Menschen aus eigener Einschätzung heraus mehr Handlungsfreiheit gewonnen haben, autonomer geworden sind. Ein Erfolg ist es, wenn in einem Teamworkshop die Dinge (manchmal schmerzlich) auf den Tisch kommen, die lange im Verborgenen gewirkt haben und damit ein Mehr an Füreinander ermöglicht wird. Wenn Menschen erkennen, dass wir unweigerlich aufeinanderbezogen sind. Ein Erfolg unserer Arbeit ist es, wenn Menschen gerne wieder nach Lautrach kommen, weil sie hier Begegnung erlebt haben.

Was war das Schönste, das Ihnen in Ihrem Berufsleben widerfahren ist?
Es gab in all den Jahren unzählige schöne Momente. Wenn in einem Mitarbeitergespräch wirkliches Verstehen stattgefunden hat. Wenn Menschen sich in Seminaren wirklich aufeinander einlassen. Wenn aus Seminarbesuchen heraus tiefe Freundschaften entstehen. Wenn Menschen sich in ihrer Würde und Verletzlichkeit »zeigen« (können) und damit unweigerlich Beziehung entsteht, von Herz zu Herz. Zwei Seminarmomente berühren mich noch heute ganz besonders. Zum einen ein Seminar, in dem ein Ehepaar, beide Führungskräfte im selben Untenehmen, in einer sehr persönlichen Einheit ihre Liebe zueinander wieder entdeckt haben und in ergreifende Worte fassen konnten. Das ist Glück. Zum anderen eine persönliche Präsentation eines Teilnehmers, in der eine tiefe Wunde durch die Kommunikation und das Verstehen der anderen ein Stück »geheilt« werden konnte.

Welche Vorbilder beeindrucken oder prägten Sie am meisten?
Mich beeindrucken Menschen, die aus einem wachen, klaren Bewusstsein heraus »Perlen der Weisheit« verschenken. Den Benediktinerpater David Steindl-Rast nehme ich als einen solchen Menschen wahr. Mich beeindrucken Menschen, die die Kraft des Brückenbauens haben und versöhnen statt spalten. Nelson Mandela ist wohl so ein Mensch, auch wenn ich ihn nie persönlich kennen gelernt habe. Mich beeindrucken Menschen, die sich unerschrocken und wahrhaftig für Menschenrechte und Freiheit einsetzen. Sophie Scholl habe ich aus ihren Schriften so kennen gelernt. Mich beeindrucken Menschen, die Herzenswärme, Klugheit und Bescheidenheit ausstrahlen und für andere Beiträge leisten. Meine Mutter beneide ich um diese Fähigkeit. Mich beeindrucken Menschen, die ihre Lebensaufgabe gefunden haben und damit Großartiges bewirken. Karlheinz Böhm nehme ich als so einen Menschen wahr. Letztlich beeindrucken und bewegen mich Menschen, die trotz großer Schicksalsschläge ihren Lebensmut und Lebenswillen nicht verlieren, sondern dem Leben weiterhin trauen. Eine Freundin, die ihren Mann und beide Kinder bei einem Brandunglück verloren hat, ist mir da Vorbild.

Welches Buch inspiriert Sie gerade?
Das Buch »Die Augen meiner Augen sind geöffnet« –  eine Hommage anPater David Steindl-Rast, herausgegeben von Rosemarie Primault und Rudolf Walter. Prominente Autoren berichten in diesem Sampler von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem Gefühl der Dankbarkeit. Für Steindl-Rast ist Dankbarkeit der Schlüssel zum Glück und zur Lebenszufriedenheit. Dieses Buch ist für mich zur Zeit eine Quelle von Inspiration, Freude und Dankbarkeit.

Was schätzen Ihre Teilnehmer am meisten an Ihnen?
Das sollten die Teilnehmer beantworten. Was ich aus Rückmeldungen weiß: meine Ruhe und Gelassenheit, mein Einfühlungsvermögen, meine Fähigkeit Dinge ganzheitlich zu betrachten, meine Menschenkenntnis, die Klarheit meiner Sprache. Ein Zitat: »Die Beherrschung der Kunst, elf Rennwagen in der Boxengasse auf Schrittgeschwindigkeit abzubremsen und bei laufendem Motor eine Vollinspektion durchzuführen«. Danke.

Wie halten Sie sich fit für die Belastungen Ihres Berufs?
Zum einen halte ich mich für einen ziemlich stressresistenten Menschen; d.h. ich empfinde selten negativen Stress, sondern erlebe Belastung in den überwiegenden Fällen als motivierend. Zum zweiten tanke ich so häufig es geht in der Natur Kraft und Energie. Zum dritten ernähre ich mich gesund und vielfältig. Das Wichtigste: das Zusammensein mit meiner Familie, die für mich ein Lebensspender ist.

Was sind Ihre größten Freuden im Leben?
Die leuchtenden Augen meiner Tochter, wenn ich nach mehreren Tagen Abwesenheit das Haus betrete. Die Beobachtung der vielfältigen und immer wieder faszinierenden Stimmungen des Abendhimmels von meiner Wohnzimmercoach aus. Allein sein. Das Geschenk der Stille. Die Liebe meiner Frau. Das bedingungslose »zu-mir-stehen« meiner Mitarbeiter in einer schweren Stunde. Das Gehen in der freien Natur, im eigenen Rhythmus. Die Klarheit und Stille eines herbstlichen Berggipfels. Das Schnurren meiner Katze auf meinem Schoß. Das Lachen und die kindliche Lebenslust meiner Mutter im Spiel mit unserer kleinen Tochter.

Worauf möchten Sie in Ihrem Leben auf gar keinen Fall verzichten?
Auf tiefe Begegnungen mit Menschen allen Alters und Herkunft. Auf die Liebe. Auf das immer wieder Staunen können (wie zuletzt in André Hellers »Afrika, Afrika«). Auf Bücher. Auf ein gutes Glas Rotwein. Auf Krimis im Fernsehen. Auf Berge und das unbeschreibliche Gefühl am Gipfel nach einem anstrengenden Aufstieg. Auf meine Kinder. Auf den Wechsel der Jahreszeiten im Allgäu. Auf die Frische des Frühlings, das milde Licht des Herbstes. Auf mich.

 

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Christina Kral-Voigt, Leitung Sales Management

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