Interview mit Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. Alfried Längle


Die Frage nach dem »Sinn des Lebens« ist Ausdruck des Mensch-Seins schlechthin. Was ist für Sie der Sinn des Lebens?
Wirken und dabei erleben können. In erster Linie im Kreise jener Menschen, die mir nahe sind: Familie, Freunde und dann natürlich auch im Berufsleben, wo mir die Menschen nahe werden durch die Seminartätigkeit, durch Vorträge, durch Zusammenarbeit, durch Behandlungen u. a. Dabei etwas Positives herstellen können, wo ich eine Freude habe, dass es geworden ist, dass es stattgefunden hat, dass es entstanden ist und dabei erleben – mich erleben – können, das ist der Sinn meines Lebens.

Seminare zum Thema Motivation sind nach wie vor im Trend. Ist sinnvolles Tun bei sich und Sinn generieren gleich zu setzen mit Motivation?
Eine Motivation, wo das Thema Sinn nicht enthalten ist, gibt es gar nicht! Es ist dem Menschen nicht möglich etwas zu tun, was er als sinnlos ansieht. Meistens wird das zwar nicht explizit zum Ausdruck gebracht, eben weil es so eine Selbstverständlichkeit ist. Jeder Mensch ist aber blockiert und es lähmt ihn, wenn Sinnlosigkeit da ist. Daher ist, wie Sie sagen, Motivation immer auch Thema des Sinns. Natürlich ist nicht nur das Thema Sinn in der Motivation enthalten. Da gibt es Bausteine der Motivation. Sie sind zugleich Elemente des Sinns. Eine Motivation kann sich auch nur auf einen dieser Aspekte beziehen. Jede ganzheitliche Motivation, die zu einem erfüllten Erleben führt, bezieht sich nicht auf einen einzelnen dieser existenziellen Aspekte, sondern setzt sich aus allen vier Grundzügen zusammen: aus dem Können (d. h. dem Beherrschen der Möglichkeiten, dem Blick für die Realität); dem Mögen (d. h. aus einem emotionalen Bezug zum Wertvollen, zu dem also, um was es gehen soll); dem Dürfen (d. h. der inneren Erlaubnis und Abstimmung mit dem, was einem selbst wichtig ist, womit man sich identifiziert und was man verantworten kann). In jeder erfüllenden Motivation ist schließlich auch der Aspekt des Sollens berücksichtigt (d. h. die Abstimmung mit der aktuellen Situation und dem, was in ihr werden kann und soll). Dadurch kann eine Zukunft ins Leben hereinkommen und es wird ein Kontext geschaffen, in den man sich stellen mag.

Liegt in der Sinnfindung der Weg, um aus dem allgemeinen Jammerklima herauszukommen und zu sehen, wo Chancen für mich liegen?
Das würde ich ganz unterschreiben. Das Jammerklima ist ein Klima der Passivität, der Ohnmacht, der Perspektivenlosigkeit. Sinn ist genau das Gegenteil, der Gegenpol dazu. Die Arbeit am Sinn eröffnet Wege in eine Zukunft. Das mag manchmal mühsam und schmerzlich sein. Der Sinn macht mich aktiv, weil ich durch seine Perspektive sehen kann, was ich selbst zu einer Wertschöpfung oder Verbesserung einer Lage beitragen kann. Und dieses persönliche Dabeisein dort, wo etwas Positives geschieht, ist ganz wichtig für die Erfüllung der eigenen Existenz. Das bezeichnen wir als existenziellen Sinn, wo die eigene Person mit ihren Fähigkeiten und mit ihrer Aktivität enthalten ist. Und genau das befreit uns aus einem Jammerklima, in das man sich gegenseitig hineinreden kann. Man kann sich aber auch wieder gegenseitig herausheben, in dem man über die Thematik spricht und sie sich bewusst macht.

Unternehmen brauchen einen sichtbaren, profitablen Sinn. Share-Holder-Value z.B. macht Sinn für manche Unternehmen. Streichungen von Arbeitsplätzen oder Verlängerung der Arbeitszeit macht wiederum Sinn für andere Unternehmen. Braucht es in der heutigen Zeit nicht mehr, damit Unternehmen erfolgreich bleiben – nämlich Sinn und Werte in der Menschenführung?
Ob Share-Holder-Value der Sinn eines Unternehmens ist, das müsste man von Fall zu Fall anschauen – das ist nicht von vorn herein gesagt. Es ist jedenfalls der Zweck vieler Unternehmen. Viele Unternehmen sind wegen ihrer verzweckten Philosophie sinnarm. Sie folgen lediglich einer Zielsetzung wie z. B. Optimierung der Values. Der Zweck ist aber etwas anderes als der Sinn. Der Zweck folgt einem Ziel-Denken. Der Sinn hat eine Dimension mehr. Der Zweck ist sozusagen eine zweidimensionale Fläche, der Sinn wird dreidimensional. Der Sinn überspannt und übersteigt den Zweck. Darum sagen wir im Deutschen auch zurecht, dass etwas »seinen Sinn und Zweck hat«. Wir verwenden zwei Worte, weil es sich um zwei Dinge handelt. Der Sinn eines Unternehmens ist weiter zu sehen als in der unmittelbaren Gewinnerwirtschaftung. Gewinne sind eine Bedingung, ohne die ein Unternehmen nicht existieren kann. Sie sind also eine Voraussetzung für Sinn, aber sie sind noch nicht der »Endzweck« oder der ganze Sinn eines Unternehmens. Der Sinn eines Unternehmens ist vielfältiger, lässt den Zweck in einer weiteren Dimension aufgehen. Ein Unternehmen ist neben seiner Funktion auch ein Ort der Begegnung, wo sich Menschen kreativ entfalten können, wo sie ihre Freiheit einsetzen und ihre Verantwortung leben, wo Beziehungen entstehen, wo Bildung geschieht, wo Interesse geweckt wird, wo neue Entwicklungen stattfinden. Der Sinn ist viel größer zu sehen und jeder einzelne Unternehmer oder jeder einzelne Mitarbeiter in einem Unternehmen kann sich einen Aspekt dieses Sinns herausnehmen. Es ist wichtig, dass das Unternehmen auch eine Philosophie entwickelt, in der die Ganzheit, um die es in einem Unternehmen gehen soll, enthalten ist. Da gehört natürlich diese Human Ressources-Komponente enorm dazu. Unternehmen, die diese Komponente nicht berücksichtigen, arbeiten nicht für Menschen, sondern arbeiten für Geld und sind daher sinnarme Unternehmen. Die Mitarbeiter spüren ihre Verzweckung, denn ihre Arbeit ist nur Mittel zum Zweck der Profitmaximierung. Das ist entwürdigend für den Menschen und sie empfinden ihre Tätigkeit zurecht als sinnlos, weil sie nur in ihren Funktionen gesehen werden und nicht als Menschen. Das ist eine schlechte Unternehmenskultur. Das macht die Mitarbeiter unzufrieden, aggressiv und fordernd. Sie wollen das Defizit an Sinn zurecht durch mehr Geld abgegolten bekommen. Eine gute Unternehmenskultur geht dagegen ganzheitlich vor und gibt auch dem Sinn einen Platz. Ich unterstreiche noch einmal: Gewinn ist eine Voraussetzung für das Unternehmen, aber es ist nicht das einzige Kriterium für ein gutes Unternehmen. Ein gutes Unternehmen sieht seine Tätigkeit in einem größeren Kontext, sieht den Menschen in seinem Wert, in seiner Entfaltungsmöglichkeit und behält im Auge, was es für eine Gemeinschaft, für ein Volk oder für ein Land mit seinen Produkten und mit seiner Dienstleistung beiträgt. Ein gutes Unternehmen sieht sich in einer wichtigen Stelle in einem größeren Zusammenhang und bereitet den Mitarbeitern einen Kontext, in dem sie sich in einem wertvollen Gefüge wiederfinden und dazugehören wollen.

Der Wille ist nach Augustinus das Vermögen der Seele, sich selbst zu bestimmen. Wie wird aus Wollen aktives Handeln?
Sie sagen ganz richtig in der Folge von Augustinus, dass der Wille Ausdruck der menschlichen Freiheit ist. Im Willen realisiert der Mensch seine Freiheit. Daher entspricht der Wille dem Ich. Mein Wille ist Ausdruck des eigenen Ichs, der eigenen Person. Der Wille ist »das Freie im Menschen«. Der Wille ist also Freiheit. Wie kann nun diese Freiheit in die Praxis umgesetzt werden? Willensbildung ist ein Prozess, der über mehrere Schritte abläuft. Das kann blitzschnell gehen, aber es kann auch mühsam werden, bis man endlich weiß, was man will. Unsere Freiheit ist eben manchmal eine »Qual der Wahl«. Die Willensbildung integriert die Realität mit den Bedingungen und Möglichkeiten, aber neben diesem Erfahrungshorizont und Wissen gehört das Gefühl wesentlich dazu, das Fühlen der Werte, um die es geht, der Beziehung zu den Sachen und Menschen, die beteiligt sind. Das macht die Willensbildung schon recht komplex. Sie wird es aber noch mehr, weil auch die Persönlichkeitsbildung mit einfließt, die eigenen Interessen, der Selbstwert. Und schließlich der Sinn.
Wenn ich einmal weiß, was ich will, dann ist der halbe Weg zur Tat bereits getan. Die Hälfte geschieht im Kopf und im Herzen. Die andere Hälfte dann mit den Händen. Wo ein Wille ist, zeichnet sich ein Weg ab: »Wo ein Wille, da ein Weg«. Der Wille legt den Kurs fest, um den es gehen soll, man ist ausgerichtet, handlungsbereit, auf die eigene Aktivität »eingestellt«.
Nehmen Sie ein Beispiel: Wenn ich überlege, ob ich ein Seminar auf Schloss Lautrach besuchen will, dann informiere ich mich zunächst, suche nach den Mitteln, wie ich an diesem Kurs teilnehmen kann. Man fragt sich dann nach dem Wert und der subjektiven Attraktivität des Seminars, ob es einem gefällt. Ob es den eigenen Zielsetzungen entspricht und ob man sich damit identifiziert. Und schließlich, ob es sich wohl lohnen wird, dabei zu sein. Was gewinne ich dadurch? Entsteht dadurch etwas Wertvolles? Wenn nicht, ist es sinnlos für einen, und man lässt es sein. Wenn hingegen alles übereinstimmt, will man es gerne, vielleicht sogar »unbedingt« besuchen.

Der Wille ist der (emotionale) Kern des Menschen. Was beeinflusst unser Wollen?
Vieles beeinflusst unser Wollen. Die ganze Lebensgeschichte, die ganze Zivilisation und Kultur, in der wir leben, die Erziehung, Bücher, Dialoge, Begegnungen und Erfahrungen, die wir gemacht haben, auch unsere biologische Konstitution, das Denken, Fühlen, Spüren und Hoffen usw. Das alles fließt im Willen zusammen und macht aus, ob ich mich in der Lage fühle, einen Willen zu finden, ihm zu folgen (umzusetzen) und durchzuhalten.
Es ist eine gigantische Leistung des Menschen, sich in dieser Überkomplexität zurechtzufinden. Da wir aber keine Computer sind, schaffen wir das nicht rechnend, sondern fühlend. Unsere Emotion ist der große Apparat, in dem letztlich die Gesamtheit der Information gegeneinander abgewogen wird. Diese Integrationsleistung schafft den Weg durch das Dickicht der Komplexität, ohne sie zu übergehen.

Welche wesentlichen und pragmatischen Erkenntnisse erhalten Teilnehmer, die Ihr Seminar »Sinnvoll leben und arbeiten« besuchen?
Zum einen wird eine Kenntnis der Abläufe der Willensbildung erarbeitet. Dabei spielen die Werte eine große Rolle – aber wie kann ich sie finden? Und wie weiß ich eigentlich, was ich will – was ich wirklich will? Das alles ist unweigerlich mit dem Sinn und der existenziellen Erfüllung verbunden. Entspricht der Wille nicht dem wirklich Eigenen und der Situation, erleben wir Sinnlosigkeitsgefühle. Integriert unser Handeln nicht echte Werte, wird ebenfalls Sinnlosigkeit auftauchen. Sinnlosigkeit ist ein Warnsignal im Leben, das wir ernst nehmen sollen. Das Problem dabei ist oft, dass diese Gefühle nicht verstanden werden. Es ist manchmal so unerklärlich, dass sie auftauchen, weil man eigentlich alles hat und gesellschaftskonform lebt. Die andere Seite des Seminars soll über die Erkenntnis hinaus die persönliche Entwicklung in der Thematik fördern, Klarheit im eigenen Umgang mit den Themen schaffen, zu inneren Stellungnahme anregen, Raum für die Orientierungssuche geben. Wichtig ist dabei, dass diese Seminare den persönlichen Raum schützen und keinerlei Erklärungen oder Preisgabe von Persönlichem verlangt wird – es wird jeder/jedem seine Freiheit ganz gelassen und geschützt. Jeder/jede hat den Raum und in der Form, wie er/sie will.

Was bedeutet »Sinn«?
Sinn ist etwas, was in der Zukunft liegt, was entstehen kann, was noch aussteht, was darauf wartet, erfüllt zu werden, getan zu werden, erlebt zu werden. Etwas, woran ich mich orientiere, was mich herausfordert, dass ich mich daran beteilige, weil ich es bedauern würde, wenn es nicht geschähe, wenn ich es nicht erlebte, wenn es nicht getan wäre. Sinn ist immer etwas, das mir am Herzen liegt - was mir also wichtig ist. Sinn ist also kein Muss, sondern Sinn ist etwas, was eine Möglichkeit darstellt, was mir einen Freiraum gibt. Sinn ist etwas, wo ich fühle und sehe: Ich kann das tun, ich mag das tun, es wäre auch gut und richtig, wenn ich es täte und es hat auch einen gewissen Anforderungscharakter. Etwas von mir ist gefragt, etwas von mir oder ich selbst bin »gewollt«, ich »soll« etwas tun – das ist die Charakteristik, wenn etwas sinnvoll ist. Man kann den existenziellen Sinn definieren als »die beste Möglichkeit in jeder konkreten Situation«. Das, was jetzt das Beste wäre in dieser Stunde aktiv zu tun oder erlebend aufzunehmen, zu gestalten oder zu genießen. Das ist die beste Möglichkeit in dieser Situation, und genau das wäre der existenzielle Sinn. Daneben gibt es auch noch einen anderen Sinn: den religiösen Sinn, den philosophischen Sinn, den Sinn des Ganzen. Jede Religion gibt eine Antwort auf diesen Sinn des Ganzen. In unserem Seminar sprechen wir nur von dem existenziellen Sinn, also vom psychologischen Sinn, wo es um die eigene Aktivität und Entscheidung geht, um die Orientierung im Leben.

Mit dem »Sinn des Lebens« kann man sich sehr gut theoretisch beschäftigen. Was hilft, Brücken von der Theorie zur Praxis zu schlagen? Was hilft, um an diesem Thema kontinuierlich dran zu bleiben?
In meinen Seminaren bleibt das Thema »Sinn des Lebens« offen. Es geht darum, sich diesem Thema anzunehmen und über den Sinn, konkrete Situationen, konkrete Tage oder konkrete Aufgabenstellungen nachzudenken und vor allem den Prozess zu dieser Thematik zu lernen und zu vertiefen. Wenn ich diese Fragen sinnvoll lösen kann, wenn ich da Wege finde, wie etwas Gutes daraus werden kann, dann ist jede einzelne Sinnerfahrung ein Baustein, ein Puzzlestein für das gesamte Bild, für den Sinn des Lebens, der sich dann aus der Fülle dieser Puzzlesteine ergibt. Da wird mehr und mehr sichtbar, was der Sinn meines Lebens möglicherweise war oder ist oder sein kann.
Es ist eher selten, dass Menschen in jungen Jahren das sichere Gefühl haben, wo der Sinn ihres Lebens liegt, z.B. in die Mission zu gehen oder ein Unternehmen aufzubauen oder was immer. Die meisten Menschen entdecken den Sinn ihres Lebens im Laufe des Lebens, aus dem, was sie interessiert, was sie anspricht, wofür sie sich entschieden haben und nähern sich so dem an, was in ihnen als Möglichkeit vorhanden war und sich nun entfalten kann. Das ist wie bei einem belichteten Fotopapier, wo das Bild schon auf den Fotografien angelegt ist, aber erst durch den Entwickler des Lebens zum Vorschein kommt.

Führungskräfte sehen sich oft als Opfer. Als Opfer der Globalisierung oder der Volkswirtschaft. Wie werde ich als Führungskraft mir meiner Rolle als Gestalter mehr bzw. besser bewusst?
Führungskräfte haben die Aufgabe, Koordinatoren zu sein. Die Freiräume, die sich innerhalb der Gegebenheiten auftun, zu nützen, zu verdichten und die Chancen, die in einer Situation liegen, die Werte, um die es in einem Unternehmen geht, zu optimieren und zu schauen, dass die besten Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Führungskräfte sind wie Dirigenten, die ein Orchester zur Verfügung haben, das aber mit einer Fülle von Voraussetzungen und Vorbedingungen zu leiten ist. Es gibt eine gewisse Zahl von Streichern, Bläsern, Bratschen usw., mit denen muss gespielt werden. Das kann in einer Führungskraft das Gefühl erzeugen, dass sie nicht frei ist, sondern Opfer der Umstände. Die Kunst des Dirigierens ist, mit dem Vorgegebenen etwas zu schaffen. Die Kunst des Dirigierens ist nicht, beliebige Vorgaben zu machen, sondern gestalterisch die besten Bedingungen zu schaffen und diese zu koordinieren.
Ich sehe in der Führungskraft also hauptsächlich eine Koordinationsfunktion: vorhandene Gegebenheiten zu nutzen und gleichzeitig zu sehen, was es an Spielräumen gibt. Wo man mitdenken kann und etwas Neues und Wertvolles schaffen kann. Und das hängt sehr vom Blickwinkel ab, mit dem eine Führungskraft in ihre Realität schaut. Das ist wie mit dem Glas, das man als halb voll oder halb leer sehen kann. Wenn die Führungskraft den Blick darauf richtet, was sie nicht ändern kann, wird sie sich als Opfer der Umstände fühlen. Wenn sie mehr auf ihre eigenen Fähigkeiten und auf die der anderen und auf die Entfaltungsräume schaut, also auf das, was noch nicht festgelegt ist, dann ist sie kein Opfer. Wenn sie mehr auf das schaut, was sie selber will und für wichtig ansieht, ist sie kein Opfer. Durch diesen Blick, mit diesem Röntgenauge die Situation zu durchleuchten, das ist Aufgabe einer Führungskraft. Wenn eine Führungskraft wiederholt und längere Zeit das Gefühl hat, das nicht tun zu können, was ihr am Herzen liegt, was ihr wichtig ist, dann ist sie nicht am richtigen Platz.

Sinn-bewusst und mit Werten führen bedeutet doch in erster Linie, Verantwortung für meine Mitarbeiter zu tragen. In schwierigen Situationen ist der Wille oft meist schwach. Was kann Kraft geben in solchen Fällen?
Die Verantwortung ist ein wesentlicher Bestandteil im sinn- und wertbewussten Führen, aber an erster Stelle würde ich etwas anderes stellen, nämlich die Kraft. Sinn- und wertbewusstes Führen heißt, dass sich die Führungskraft auseinandersetzt und klar macht, um was es in diesem Tätigkeitsbereich geht, was das Wichtige ist, was die Werte sind, was das ist, wofür es sich lohnt zu arbeiten, etwas zu tun, Mitarbeiter zu motivieren. Dass also die Führungskraft sich als erste Person in eine persönliche Beziehung mit den Werten der jeweiligen Aufgabe setzt. Mit dem, was der Kern ist, mit dem, was das Wichtige ist. Aus dieser persönlichen Beziehung heraus spürt die Führungskraft das, was wichtig ist. Dieses persönliche Bezogensein zum Wertinhalt der Situation, der Aufgabe eines Unternehmens, das springt als Motivationsfunke über auf die Kolleginnen und Kollegen und motiviert. Das gibt dieser Führungskraft auch die Kraft, durchzuhalten, an der Arbeit dran zu bleiben, weil sie ja ständig spürt und fühlt, wie wichtig das ist, was sie tut.
Wenn das nicht da ist, dann wird Führen schwierig. Dann wird es zu einer hohlen, blutleeren Sache. Wenn eine Führungskraft so arbeitet, dann ist für sie die Verantwortung eine Selbstverständlichkeit und keine Last. Sie mag dann auch Verantwortung übernehmen, denn es ist jene Beziehung zur Sache, durch die jemand sagen kann, das ist meine Leistung, da war ich mit daran beteiligt, das ist mein Verdienst. Das ist das, wofür wir dann auch Anerkennung bekommen und andernfalls, wenn es nicht gut ausgegangen ist, trage ich auch da die Verantwortung. Diese Führungskraft, die aus einem inneren Bezug heraus zum Inhalt arbeitet, die mag auch diese Beziehung erhalten, mag zu dem stehen, was sie getan hat. Sie mag es und kann es, weil sie ehrlich und echt dabei war. So gesehen ist Verantwortung keine Last, sondern eine Rückbindung an das, was man mag.

Werten und Werte sind kausale Faktoren der Kulturentwicklung. Man spricht heute sehr viel vom Wertewandel. In welche Richtung wandeln sich unsere Werte?
Das sind soziale Phänomene, die sehr unterschiedlich gesehen werden. Ich glaube, dass ein Wertewandel in die Richtung geht, dass die Individualität in der Gesellschaft heute höher gesetzt wird als vor 30 oder 50 Jahren, wo mehr die Konformität maßgeblich war z.B. in Erziehung oder Politik. Das hat Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite verlangt es von den Menschen mehr Persönlichkeitsentwicklung und Verantwortlichkeit, wenn man so auf sich gestellt ist und sich weniger abstützen kann auf andere Menschen. Natürlich kann es auch zu Auswüchsen führen wie Rücksichts- und Beziehungslosigkeit, Singletum und zersplitterte Familien. Auf der anderen Seite hat es aber auch den großen Vorteil, dass der Mensch in seiner Individualität ernster genommen wird und die persönlichen Ressourcen mehr entfalten und leben kann.

Welche Wertmaßstäbe gibt es (Gefühl, Zweckmäßigkeit, Schönheit, Sittlichkeit, Religiosität etc.)? Und ist der Wert nicht etwas Subjektives?
Die existenziellen, relevanten Wertmaßstäbe, die für ein Leben und eine Lebensgestaltung von Bedeutung sind, müssen subjektiv sein, d.h. dass die Werte auch auf das ganz persönliche Empfinden und Fühlen bezogen sind. Dass man mit Hilfe der eigenen Emotionalität und der eigenen Gefühle die Qualitäten feststellt, um die es geht. Die Qualitäten eines Gesprächs, einer Arbeit, einer Beziehung, eines guten Essens usw. Alles das beziehen wir auf das eigene Erleben und das sollten und dürfen wir nicht abgeben an verobjektivierende Verfahren. Das ist für die Wissenschaftler von Interesse, aber für die Lebensgestaltung ist die zentrale Stelle, dass wir die Gegenstände auf das eigene Erleben beziehen. Hilfreich dazukommen können Wertempfindungen anderer Menschen, die einem sagen: »Ich erlebe das so oder sehe das anders«.
Wertmaßstäbe aus der Vergangenheit oder aus der Kultur haben auch ein Bedeutung. Sie stellen uns eine Diskussionsbasis dar, an denen wir uns vergleichen können, die uns zu öffnen vermögen und dank derer wir uns fragen: Könnte da auch etwas für mich sein, das ich bis jetzt übersehen habe? Aber die Antwort soll wieder bei dem eigenen Empfinden bleiben. Das soll nicht heißen, dass ich mich verschließe, sondern dass ich dabei im Dialog bleibe mit anderen Menschen, mit der anderen Seite, mit anderen Kulturen.

Überall wird von Visionen, von Zukunftsstrategien gesprochen. Wie wichtig ist für Führungskräfte eigentlich die Bewertung von Vergangenheit?
In einem existenzanalytischen Verständnis ist die Vergangenheit der Boden, auf dem wir heute stehen. Da ist der Bezug zur Vergangenheit hilfreich, um mich jetzt verstehen zu können. Im Bezug zur Vergangenheit können sich Linien abzeichnen, die in meine Zukunft deuten. Eine Linie der eigenen Entwicklung, eine Linie dessen, was ich bin, was ich im Kern, im Wesen darstelle durch das, wie ich bisher gelebt habe und was in meinem Leben wichtig war.
Die Vergangenheit ist ein Ausgangspunkt – aber Vergangenheit legt nicht fest. Es ist gleichermaßen wichtig, dass wir für die Zukunft eine Vision haben. Aber ohne Anbindung an die Vergangenheit steht sie in einem luftleeren Raum. Wenn sie auf dem Boden der Vergangenheit aufbaut, dann hat sie eine gute Chance und daher mehr schöpferische Kraft. Die Vision hat dann mehr lebensgestalterische Kraft.

Die wirtschaftliche und politische Lage auf nationaler und internationaler Ebene beschäftigt Führungskräfte. Wie kann da die Existenzanalyse bzw. Logotherapie einen Nutzen stiften für den Einzelnen?
*Ich bin kein Anhänger jener Auffassung von Logotherapie, die darin ein Heilmittel für die Menschheit sieht. Ich bin ein Vertreter jener Gruppe, die in der Logotherapie und in der Existenzanalyse ein Instrument sieht, wie es dem Einzelnen gelingt, besser zu sich selbst zu sein und auf dieser Ebene besser in die Gesellschaft hineinzuwirken und Verantwortung zu übernehmen. Ich bin ein praktisch denkender Mensch, dem viel an der Produktivität liegt. Ich meine, dass Veränderungen auch nachhaltend sind, wenn Sie getragen werden von einzelnen Menschen.
Deshalb kann man die Existenzanalyse in Unternehmensberatungen oder bei politischen Arbeiten einsetzen, um z.B. eine Corporate Identity zu durchleuchten. Ob solche existenziellen Aspekte in ihr enthalten sind, damit sich die Mitarbeiter besser in Unternehmen orientieren und sich mit der Philosophie identifizieren können. Denn die Existenzanalyse bietet eine Struktur bzw. ein System von Voraussetzungen, die gegeben sein müssen, damit ein Unternehmen – auch das Unternehmen »Staat« – reibungsarm und erfolgreich funktionieren kann.

PERSÖNLICHE FRAGEN AN DR. DR. ALFRIED LÄNGLE:

Welche drei herausragenden Persönlichkeiten hätten Sie gerne kennen gelernt oder würden Sie gerne kennen lernen?
Aristoteles, Gandhi, Marilyn Monroe.

Welche Erfindung bewundern Sie am meisten?
Penicillin.

Was ist für Sie die größte Herausforderung der Menschheit im 21. Jahrhundert?
Die Persönlichkeitsentwicklung.

Was verstehen Sie unter Glück?
Wenn das, was mir am Herzen liegt, auch gelingt.

Was halten Sie für Ihren größten Erfolg?
Die Entwicklung einer vertiefenden Theorie zur Motivation des Menschen.

Ihr Lebensmotto?
Das Sein ist im Werden.


Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Längle! 
Interview: Christina Kral-Voigt, Leitung Sales Management

Autor

Univ.-Prof. Dr. Dr. Alfried Längle
Arzt, Psychologe, Psychotherapeut, Management-Trainer.