Die »eigene« Geschichte - der Blick auf sich selbst und berufliche Wirklichkeiten. Biografie-Arbeit.


Greifen Sie im Buchladen auch gerne nach Biografien? Beständig wie kaum ein anderes Segment schaffen es Biografien auf die oberen Plätze der Bestseller-Listen, aktuell z. B. über den Apple-Gründer Steve Jobs. »Das Bewusstsein, dass das eigene Leben endlich ist, habe ihn stets angetrieben«, sagt Jobs. »Als ich 17 war, habe ich das Zitat gelesen: Wenn du jeden Tag so lebst, als wäre es dein letzter, wirst du eines Tages mit Sicherheit Recht haben.« Seitdem habe er jeden Morgen in den Spiegel gesehen und sich gefragt: »Wenn heute der letzte Tag meines Lebens wäre, würde ich das tun wollen, was ich gleich tun werde?« Wenn die Antwort einige Tage in Folge »Nein« gewesen sei, habe er gewusst, dass er etwas ändern müsse. »Ich hatte Glück«, sagt Jobs, »ich habe früh im Leben herausgefunden, was ich liebe.« (…) »Man muss darauf vertrauen, dass sich die einzelnen Punkte im eigenen Leben in der Zukunft verbinden lassen«, sagte er den Studenten in Standford.1

Es ist anregend, solchen Lebensspuren nachzugehen und zu erkunden, was Menschen glücklich, reich, erfolgreich gemacht hat, wofür sie gebrannt und gelebt haben, an was sie gescheitert und oft letztlich doch gewachsen sind.

Und wie steht es um Ihre eigene Biografie? Als was würden Sie die Geschichte Ihres Lebens erzählen? Welcher Titel stünde auf diesem Buch? Wenn Sie sich ans Schreiben machen würden: das wäre Biografie-Arbeit. Sie würden sich auf die Suche nach dem roten Faden2 im eigenen Leben machen – eine Art Selbstvergewisserung und Arbeit an der eigenen Identität. Sie würden sich zu Ihrem inneren Kern vorarbeiten, Grenzen und Begrenztheit herausfiltern und benennen können, worin sich Ihr Wesen ausdrückt, von welcher »Kernfestigkeit« Sie sind.

Sie würden die markanten Erfahrungen zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen und damit Biografie als Geschichte, als Sinn-Erzählung aufbauen. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat es so ausgedrückt: »Jeder Mensch, nicht nur der Dichter, erfindet seine Geschichten – nur dass er sie, im Gegensatz zum Dichter, für sein Leben hält ….« Tatsächlich spricht man auch von dem (auto-)biografischen oder auch episodischen Gedächtnis, d. h. unsere Erinnerung bildet eine Schnittmenge von subjektiver Zeit und dem sich erfahrenden Selbst, z. B. Erinnerungen an Erlebnisse (= kontextgebundene Vorkommnisse). Um diese Erinnerung repräsent zu machen, werden im Gedächtnis kognitiv-rationale und emotionale Anteile zusammengeführt. Schließlich verknüpfen wir diese wichtigen Punkte unserer Biografie in einer Art stimmiger Geschichte.

Biografie-Arbeit lässt sich verstehen als Bezug zur Innenseite des eigenen Lebens. Anders als beim Lebenslauf, der objektivierbare Ereignisse des Lebens auflistet, Qualifikationen und Zertifikate beschreibt und quasi die »Außenseite« eines Lebens darstellt, geht der Blick bei der Biografie auf die Beschreibung von persönlichen Eigenheiten und Eigenschaften, von Kompetenzen und Erfahrungen. Es geht um subjektive, persönliche Erzählungen des eigenen Lebens, das wesentlich Besondere im sozialen Allgemeinen. Und gewiss geht es nicht nur um den Blick in die Vergangenheit.3

Mit dem bekannten Zitat aus Ödön von Horváths Stück »Zur schönen Aussicht«: »Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu« bekommt die eigene Lebensgeschichte eine Perspektive von Bilanz im Jetzt und Entwurf in die Zukunft: Was kommt auf mich zu? Auf was gehe ich zu? Was ist bisher nicht genügend in mir lebendig geworden? Was in mir drängt nach Verwirklichung? Welcher Lebenstraum treibt mich an? Was will ich noch erreichen? Was kann oder muss ich sein lassen? Wie kann ich aufmerksam sein für den richtigen Moment, um zu dem zu kommen, was mir wesentlich am Herzen liegt? Spirituell gefragt: Wer bin ich jenseits des Funktionierens? Was drängt nach Fülle und Vollendung?

Biografisches Arbeiten meint also die Beschäftigung eines jeden Menschen mit seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

  1. Lebensrückblick auf prägende Erfahrungen und Menschen, Lebensmuster, Erfolge und Niederlagen, Lebensfallen, Erinnerungsarbeit, etc.
  2. Vergegenwärtigung im Jetzt, erkennen der Begrenzungen und der Möglichkeiten, die Schönheit und Kraft des Lebens spüren und genießen, sich seiner Kompetenzen und Ressourcen bewusst sein, Dankbarkeit und Wertschätzung für Lebenskostbarkeiten.
  3. Ausblick auf den weiteren Lebensweg gestalten, kognitive Überlegungen und emotionale Wünsche, Abwägung von Loslassen und Bewahren, Mut und Orientierung für neue Pläne und Visionen.
     

Dabei spielen die eigenen Sichtweisen und inneren Bilder von Biografie eine wichtige Rolle. Das Leben ist z. B. wie eine Rolltreppe, ein Baum, wachsende Ringe, eine Spirale, ein Puzzle, ein Hürdenlauf, eine Bahnfahrt, ein Strickmuster, eine Pyramide, eine Bergtour, ein Flusslauf, ein Labyrinth o.a. Diese Bilder enthalten Einstellungen zum Leben wie etwa: es geht immer gut weiter und aufwärts, es geschieht ohne eigenen Einfluss entsprechend der Umstände, ab einem bestimmtem Alter kommt nichts Neues mehr dazu. Und auch diese Sichtweisen entspringen unser Biografie, unseren Lebenserfahrungen und Vorbildern.

Unsere Lebenswelt verändert, wir sind Teil einer Multioptionsgesellschaft. Biografie-Arbeit ist gekennzeichnet von der Erkenntnis, dass die sogenannte »Normalbiografie« an Prägekraft verloren hat und sich auflöst. Die Gültigkeit von klar strukturierten Lebensläufen ist durchlässig geworden, die Bandbreite möglicher und gesellschaftlich tolerierter Lebensentwürfe hat zugenommen. In einem »Leben ohne Geländer« (Ödon von Horvath), in für viele Optionen durchlässigen Alltagsstrukturen, ist jeder gefordert, selbst als Architekt, Baumeister oder Produzent seines Lebens zu handeln. Zwischen riskanten Chancen und chancenreicher Freiheit werden wir zum Autor unserer Lebenserzählung, zum Gestalter und Designer unserer Biografie. Unter dem Eindruck, Zeitgenosse einer unsicher gewordenen Welt zu sein, gilt längst als kennzeichnendes Gefühl, was Karl Valentin schon früh pointiert sagte: »Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war.«

Das Modell, im Leben ginge es wie in einer Rolltreppe immer weiter gemeinsam aufwärts, liegt hinter uns, die Standards des guten und richtigen Lebens werden laufend neu kreiert. Frei von Vorgaben, wie wir richtig zu leben haben, können und müssen wir selber unser Leben entwerfen, planen, realisieren – und dabei gewinnen wir an Lebensqualität oder wir scheitern oder wir erleben beides gleichzeitig in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Statt im »Warteraum des Lebens« reagierend den Anforderungen des Alltags zu begegnen zielt Biografie-Arbeit darauf, dass Menschen Mut und Orientierung finden bei der Realisierung eines selbstbestimmten Lebens. Philosophisch gesprochen geht es um Lebenskunst4, ganz praktisch erfordert diese Lebensaufgabe eine Vielzahl von Kompetenzen.

Als Kompetenz ist hier meint: Handlungsfähigkeit der Person in einer Risiko-Gesellschaft mit viel Komplexität und Veränderungsdynamik oder kurz: Selbstorganisationsdisposition. »Individuelle Kompetenzen werden von Wissen (i. e. S.) fundiert, durch Werte konstituiert, als Fähigkeiten disponiert, durch Erfahrungen konsolidiert und aufgrund von Willen realisiert.« (nach Lutz von Rosenstiel)5. Kompetenzen sind also auf Anforderungen gerichtete, gebündelte Ressourcen, die zur Zielerreichung bzw. zur Bewältigung eines Problems oder einer Aufgabenstellung eingesetzt werden können.

Exkurs Führungskompetenz
Welche Kompetenzen in Bezug auf Führungshandeln im Berufsalltag sind gemeint? Eine unvollständige Aufzählung: gelingende Kommunikation gestalten, Vertrauen schaffen, Kooperation ermöglichen, vernetzen, Sicherheit bieten, begeistern, Fähigkeiten erkennen und fördern, Phantasie und Kreativität, Innovation schaffen, Risiken einschätzen, Veränderungen wahrnehmen, Entscheidungen treffen, Ziele definieren, Lösungen entwickeln, Prioritäten setzen, Fehlerfreundlichkeit, Konflikte lösen, Kritik üben und annehmen, dazulernen usw.

Im Laufe unserer Biografie werden diese Führungs-Kompetenzen gelernt und entwickelt, nicht als expliziter Lehrstoff in Schule und Ausbildung, sondern implizit in unseren Lebenswelten. Wir verinnerlichen durch unsere Erfahrungen eine Vorstellung von Führung im positiven wie auch negativen Sinne. Wir verbinden – vor allem emotional »gemarkert« – Führung mit konkreten Situationen und Personen. Aus diesen biografischen Punkten entsteht unser inneres Führungsleitbild – oft wenig bewusst oder gar formuliert. Erfolgreiche Führung zeichnet sich dadurch aus, bewusst, situativ und auf die individuelle Person bezogen auswählen und handeln zu können. Biografie-Arbeit leistet dazu einen Beitrag, indem diese Kompetenzen präsent werden und im aktuellen Lebensbezug mit Blick auf zukünftige Perspektiven bewertet werden. Wer sich über seine Wurzeln im Klaren ist, kann dem eigenen Wachsen mehr Kraft und Raum geben. Der Blick auf sich selbst bekommt damit Bedeutung für die Gestaltung beruflicher Wirklichkeiten, insbesondere als Führungskraft. Diese eigene Klarheit stärkt sie, die Führungskraft selbst, und hat eine Wirkung auf die wichtigste aller Führungskompetenzen: als glaubwürdige, berechenbare und verlässliche Persönlichkeit präsent zu sein.

Schlussbemerkung
Jeder Mensch ist ein Original und jede Biografie hat einen anderen roten Faden. Sie müssen ja nicht gleich ein (Bestseller-)Buch schreiben. Aber wie wäre es mit einer kleinen Übung zur eigenen Lebensphilosophie. Als Anregung kann der griechische Philosoph Epikur dienen, der für sich diese vier Sätze formulierte:
»Gott nicht fürchten.
An den Tod nicht denken.
Das Schlechte dauert nicht lang.
Das Gute ist leicht zu haben.«

Lassen Sie sich inspirieren zu eigenen Anschauungen über Gott, den Tod, das Schlechte und das Gute.6

 


(1) Münchner Merkur, Zum Tode von Steve Jobs, 07.10.2011, S. 5
(2) Ein Bezug zu dieser Redewendung stammt aus Goethes Roman »Die Wahlverwandtschaften«. In dem Werk wird die alles verbindende Hauptidee im Tagebuch Ottilies mit dem durchlaufenden roten Faden im Tauwerk der englischen Marine verglichen. Im 2. Teil, 2. Kapitel heißt es: »Wir hören von einer besonderen Einrichtung bei der englischen Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottilies Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet.«
(3) »Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es aber vorwärts.« (Sören Kierkegaard) 
(4) Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid hat diesen Begriff für unsere Zeit neu interpretiert und zahlreiche Bücher dazu veröffentlicht.
(5) Lit.: John Erpenbeck/Lutz von Rosenstiel: Handbuch Kompetenzmessung. Verlag Schäffer-Poeschel, (2) 2007
(6) Vgl. dazu: Hubert Klingenberger: Lebenslauf. 365 Schritte für neue Perspektiven. Don Bosco Verlag 2007

Ihr Trainer

Matthias Kratz
Selbstständiger Managementberater, Trainer und Coach

▶ Zum Trainerprofil