Corona Pandemie – ein Weckruf?!

Seit einigen Wochen erleben wir alle eine Situation, für deren Bewältigung die meisten keine bewährten Rezepte und Lösungen in ihrem Erfahrungsschatz haben. Ein Virus bringt unser Leben durcheinander, verunsichert uns, zieht manchem von uns buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Nicht nur ökonomisch, sondern auch psychologisch. Wir spüren, dass Überzeugungen und Verhaltensweisen, die uns bisher Halt und Stabilität im Leben gegeben haben, nur mehr teilweise tragen, dass eingewobene Gewohnheitsmuster obsolet werden.

Weise Menschen verschiedener Weltanschauungen verweisen darauf, dass in jeder Krise eine Chance steckt, ja dass wir Menschen Krisen, Verunsicherungen und Unterbrechungen brauchen, um zu wachsen, um reifer zu werden. Corona könnte in diesem Sinne zum Weckruf werden, der uns hilft, uns neu zu besinnen und unser Lebenskonzept neu zu justieren, indem uns klarer wird, was ein gutes Leben für uns wirklich ausmacht.

Psychologische Ressourcen
Einen wichtigen Aspekt in der Bewältigung von Krisen stellen unsere psychologischen Ressourcen dar. Wir verstehen darunter Kraft- und Energiequellen bzw. Denk- und Verhaltensweisen, die uns helfen, Schwierigkeiten und Krisen unbeschadet zu überstehen. Diese Quellen können sowohl in uns selbst als auch in der Umwelt liegen.

Eine der wichtigsten Umweltressourcen stellt die Natur dar. Es gibt eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen, die zeigen, dass bereits 10 Minuten in der Natur oder einer natürlichen Umgebung, Menschen helfen können, sich glücklicher und psychisch wohler zu fühlen und die Auswirkungen von körperlichem und psychischem Stress zu mindern.

Daher ist es für viele von uns ein Segen, dass wir trotz Ausgangsbeschränkungen noch hinaus in die Natur dürfen. Wer jetzt mit wachen Sinnen durch die Natur geht, das veränderte Licht, die Frühlingsluft und -düfte wahrnimmt und sich von der erwachenden Vogelwelt mit ihrem Gesang erfüllen lässt, kann Lebensfreude tanken und nimmt aktiv Einfluss auf die Ausschüttungen von sog. Glückshormonen , die unsere Stimmung positiv beeinflussen.

Wenden wir uns jetzt den inneren Ressourcen zu. Damit meinen wir bestimmte Denk- und Verhaltensweisen, welche sich positiv auf unsere Stressstabilität und Gesundheit auswirken können. Vier der bekanntesten psychischen Ressourcen, über die wir Menschen verfügen, lassen sich unter dem Akronym HERO zusammenfassen: hope, efficacy, resilience, optimism. Zu deutsch: Hoffnung, Selbstwirksamkeit, Resilienz und Optimismus.

Optimismus, Selbstwirksamkeit und Hoffnung sind charakterisiert durch positive Erwartungen im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen bzw. Überzeugungen, die Dinge selbst bewegen zu können. Unter Resilienz verstehen wir eine psychische Widerstandsfähigkeit, die es Menschen erlaubt, auf die Anforderungen wechselnder Situationen flexibel zu reagieren und schwieriger Lebenssituationen kraftvoll zu meistern.

Studien belegen, dass Menschen mit einer hohen Ausprägung dieser Ressourcen eher positiv und vertrauensvoll nach vorne blicken, dabei weniger gestresst und ängstlich sind und mehr Zielorientierung und Durchhaltevermögen zeigen. Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellen, sehen sie vielmehr als Chance, bisher nicht wahrgenommene Entwicklungsmöglichkeiten zu entdecken und auszubauen.

Das Gute dabei ist, dass sich diese Ressourcen trainieren lassen. Wir wissen, dass die Bewertung einer unangenehmen Situation oft weniger von der Situation selbst abhängt, als vielmehr von den dahinterstehenden Überzeugungen und Einstellungen. Wir Menschen haben die Fähigkeit, unsere Perspektivität zu verändern. Sich selbstreflexiv mit diesen Überzeugungen auseinanderzusetzen und positivere Einstellungen zu entwickeln, kann gerade jetzt dazu beitragen, die herausfordernde Situation besser zu bewältigen. Wir können uns dazu folgende Fragen stellen: 

  • Tut mir die aktuelle Sichtweise auf die Situation gut?
  • Gibt es andere Möglichkeiten, die Situation zu betrachten und darauf zu reagieren?

Wir entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, gedanklich aber auch in der Kommunikation mit anderen. Wichtig dabei ist, sich die Dinge nicht unreflektiert schön zu reden oder die Realität zu verkennen, aber auch nicht in negativen Szenarien verhaftet zu bleiben.

Um die Selbstwirksamkeit zu stärken, können wir überlegen, was uns im Leben Halt und Stabilität gibt. Folgende Fragen unterstützen den Reflexionsprozess: 

  • Worauf kann ich mich bei mir selbst verlassen?
  • Worauf kann ich auch in der Krise voll und ganz vertrauen?
  • Gab es schon Situationen in meinem Leben, wo ich den Halt verloren habe? Wie habe ich wieder Boden unter die Füße bekommen?
  • Was ist die wichtigste haltgebende Struktur in meinem Leben?


Übungen zu den psychologischen Ressourcen
Einige Übungen, wie wir diese vier Ressourcen proaktiv stärken können:  

  • Körperlich aktiv werden
  • Freundliche, zuvorkommende Gesten gegenüber anderen Menschen zeigen
  • Glückliche, segensreiche Ereignisse des Tages auflisten
  • Lachen und Humor kultivieren
  • Einüben von positiven Aussagen
  • Reflexion, Diskussion und Hinterfragen und ggf. Auflösen von pessimistischen Glaubenssätzen und Überzeugungen
  • Achtsamkeit praktizieren, z.B. durch Meditation

In der Meditation trainieren wir, im gegenwärtigen Moment zu verweilen und auftauchende Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen zu akzeptieren; d.h. wir wiederstehen der Versuchung, sie zu beurteilen oder sich von ihnen mitreißen zu lassen. Diese Schulung von Körper und Geist hilft uns, bei regelmäßiger Übung, auch in Angstsituationen ruhig und gelassen zu bleiben.

Humor ist eine häufig unterschätzte Ressource. Er hilft uns dabei, den Blickwinkel zu ändern. Die Wahrnehmung einer Situation aus innerer Distanz heraus ist die Voraussetzung, um die Opferrolle verlassen zu können und das Geschehen selbst zu lenken. Zugleich hilft das Schmunzeln über sich selbst, eigene Schwächen besser akzeptieren zu können.

Veränderung der grundlegenden Lebenshaltung
Die Herausforderungen der Corona Pandemie können uns auch dazu veranlassen, unsere grundsätzliche Haltung zum Leben zu überdenken. In diesen Tagen empfinden viele von uns ein Gefühl von Dankbarkeit. Durch die Krise wird uns, manchmal schmerzlich, bewusst, dass viele Dinge des alltäglichen Lebens doch nicht so selbstverständlich sind, wie lange geglaubt.

Die Haltung der Dankbarkeit eröffnet uns einen neuen Zugang zu unserem Leben. Für den Benediktinermönch, Bruder David Steindl-Rast, der zu den bedeutsamsten spirituellen Lehrern der heutigen Zeit gehört, ist Dankbarkeit der Schlüssel zu Glück, Zufriedenheit und tiefer innerer Freude. Er hat erkannt, dass wir nicht »dankbar sind, weil wir glücklich sind, sondern dass wir glücklich sind, weil wir dankbar sind«. Es geht als um eine Haltung des »dankbar leben«, nicht nur um's Danke sagen. Aus der Glücksforschung wissen wir, das praktizierte Dankbarkeit neben anderen Vorteilen positive Emotionen steigert, das Depressionsrisiko verringert, Zufriedenheit in Beziehungen erhöht und die Belastbarkeit bei stressvollen Ereignissen des Lebens verstärken kann.

Dankbar leben bedeutet aber nicht, mit naivem Blick durchs Leben zu gehen und für alles dankbar zu sein. Aber man kann für die Gelegenheit, die sie einem bietet, dankbar sein. Ist doch die Wahrnehmung dieser Gelegenheit der Auftakt für Lernerfahrungen (wie Geduld zu üben) oder aktives Handeln (wie Widerstand zu zeigen, sich zu engagieren). Was also Dankbarkeit auslöst, ist nicht das Gegebene, das wir entgegennehmen, sondern die Gelegenheit, die wir wahrnehmen.

Wir alle kennen die Erfahrung, dass sich retrospektiv betrachtet, viele schmerzliche Erfahrungen als wichtige Weggabelungen auf unserem Lebensweg erwiesen haben, für die wir letztlich dankbar sind. Weil sie uns die Gelegenheit offeriert haben, unserem Leben eine neue Richtung zu geben.

Dreischritt der Dankbarkeit
Wie aber praktiziert bzw. trainiert man diese Haltung im täglichen Leben? David Steindl-Rast empfiehlt uns zur Einübung der Haltung der Dankbarkeit ein 3 Schritte-Vorgehen: Stop, look and go! Es geht um das »Hinhorchen« und das Richtig-reagieren auf die Gelegenheit, die dieser Augenblick jetzt bietet.

Das Innehalten ist der erste Schritt, bringt er uns in die Gegenwart. Es geht darum, das Getrieben-sein, das oft in Hast und Hektik ausartet, zu unterbrechen. Nur wenn wir innehalten und in Distanz kommen zu uns selbst und den Dingen, die uns beschäftigen, können wir die Gelegenheit des Moments erkennen.

Innewerden ist der nächste Schritt. Die Frage lautet hier: Was ist die Gelegenheit? Dankbare Menschen entdecken überall Geschenke. Das Leben selbst ist ein Geschenk. Wie auch all die Dinge, die wir im Alltagsbewusstsein für selbstverständlich nehmen: Dass wir frei atmen können (gerade in Zeiten von Corona). Dass wir frisches Wasser zur Verfügung haben. Dass wir auf gesunde Lebensmittel zurückgreifen können. Dass uns die Natur jeden Tag unzählige Erlebnisse schenkt, die Freude in uns auslösen können. Wenn wir geübt haben, die Gelegenheit wahrzunehmen, uns am Leben zu freuen, dann werden wir auch die Gelegenheiten aufnehmen, die schwieriger sind. Zum Beispiel ist es nicht so leicht, etwas Unabänderliches anzunehmen, Leid zu ertragen, Schmerz auszuhalten. Das Innewerden zeigt uns, was jetzt unsere Aufgabe ist. Das Handeln lässt uns daraus etwas machen.

Handeln bedeutet, etwas aus einer Gelegenheit zu machen. Sie nutzen, um etwas zu tun. Sich also wirklich anzustrengen, etwas Neues zu lernen, einen neuen Weg einzuschlagen oder an einer Beziehung zu arbeiten. »Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße«, so beschreibt es der Schriftsteller Martin Walser.

Wichtig dabei ist die Erkenntnis, dass wir Dinge nur verändern können, wenn wir sie zunächst annehmen, als gegeben hinnehmen und sie dann aus dieser Haltung heraus verändern. Was uns dabei helfen kann, ist das sog. Lebensvertrauen, das uns ein gefühlsmäßiges Erleben schenkt, dass »es nie aus ist, sondern immer irgendwie weitergeht«. Die aktuelle Phase gibt uns eine Vielzahl von Gelegenheiten innezuhalten und hinzuschauen, wie wir unser Leben künftig gestalten möchten.

Kleine Übungen zur Dankbarkeit
Es gibt eine Vielzahl an relativ leichten Übungen, die zur Stärkung der Dankbarkeit praktiziert werden können:

Drei-gute-Dinge-Übung
Sich jeden Abend Zeit nehmen, drei Dinge aufzunotieren, die gut waren, möge es große oder auch kleine Dinge gewesen sein. Und bitte auch beschreiben, warum ich denke, dass sie passiert sein könnten. Die Übung trainiert uns in der Fähigkeit, positive Ereignisse schon im Moment des Geschehens wahrzunehmen und zu genießen.

Führen eines Dankbarkeitstagebuches
Hierbei geht es darum, ein Tagebuch zu führen, in dem wir regelmäßig auf notieren, für welche Dinge, Geschehnisse, Erlebnisse etc. wir dankbar sind. Im zweiten Schritt können wir auch darüber reflektieren, was uns diese Dinge bedeuten. Ein weiterer Bestandteil des Tagebuchs kann auch sein, sich bewusst zu werden, für welche Menschen wir dankbar sind. 

Verzichtübung
Studien zeigen, dass der einwöchige Verzicht auf eine genüssliche Tätigkeit (z.B. Schokolade essen, ständig aufs Handy zu schauen) dazu führt, dass wir mehr Lust und größere Wertschätzung dafür empfinden, wenn wir danach wieder damit beginnen. 

Genuss-Spaziergang
Gerade in Zeiten der Ausgangsbeschränkung ist der Genuss-Spaziergang eine willkommene Gelegenheit. Ohne Handy oder sonstige Ablenkungen (Musik etc.) geht es einfach darum, die Natur mit allen Sinnen in uns aufzunehmen und die dabei entstehende Freude zu genießen. 

Sag-Danke-Übung
Dankbarkeit kann ganz besonders kraftvoll sein, wenn sie anderen gegenüber ausgedrückt wird. Kleine Gesten der Dankbarkeit machen einen Unterschied und ermöglichen das Ausdrücken von Wertschätzung. 

Dankesbriefe
Das Schreiben eines ausführlichen Dankbarkeitsbriefes eine wunderbare Art, eigene Gefühle der Dankbarkeit und Freude zu verstärken, während sie zugleich der anderen Person Gefühle von Anerkennung und Wertschätzung geben. 

 


Quellen für die Gedanken zu diesem Artikel:
https://www.eo-institut.de/wp-content/uploads/2018/12/PidO_10_2016.pdf
https://www.bibliothek-david-steindl-rast.ch/index.php
http://laengle.info/userfile/doc/Hoffnung-2017-Leidfaden.pdf

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