Den Stand nicht verlieren

 

Überlegungen zu einer Kultur der Gelassenheit
Wir alle spüren es, unser Berufsalltag und unser Lebenstempo haben sich enorm verändert. Der Druck steigt, die Arbeitsverdichtung, das Tempo und die Anforderungen nehmen zu. Wir werden von Informationen überflutet. Die Ansprüche an unsere Mobilität und ständige Erreichbarkeit wachsen. Die Folge: Immer mehr Menschen rutschen in eine chronische Dauer-Erschöpfung.

Aus dem von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und -medizin publizierten »Stressreport Deutschland 2012« ist zu entnehmen, dass 60 % der Berufstätigen über psychovegetative Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen und Nervosität klagen. Diese Forschungsergebnisse zeigen das »Doppelgesicht« von Arbeit. Wir schöpfen aus unserer Arbeit Erfüllung, Lebenssinn, Kreativität und Wohlstand und gleichzeitig wird der moderne Mensch in seinem Arbeitsumfeld zunehmend krank. Stellt sich die Frage, welche Chance hat der Einzelne, um dieses Szenario gesund zu meistern? 

Wege aus dem Hamsterrad 
Das Bild des Hamsterrads beschreibt anschaulich diesen Zustand, der das Lebensgefühl von Menschen in unserer heutigen Leistungsgesellschaft kennzeichnet – nicht nur der scheinbar im Rad Gefangenen, sondern auch derer, die das Rad vermeintlich drehen. Der Neurobiologe Gerald Hüther sieht hierfür die Ursache in »im eigenen Gehirn verankerten Vorstellungen, worauf es im Leben ankommt, wofür es sich anzustrengen lohnt, was sich im Leben verändern lässt und was man, wie alle anderen, einfach auszuhalten hat«. Hüther nennt dies einen Zustand des »optimalen Funktionierens«, in welchem wir nicht mehr hinterfragen, ob wir wirklich so leben möchten. Um diese »funktionierende Lebenshaltung« aufzugeben oder erst gar nicht entstehen zu lassen, braucht es ein gutes Angeschlossensein zu sich selbst und die Fähigkeit des Hinspürens und Hineinhorchens. Erst dann fühlen wir, dass wir mit dem, was wir tun, nicht wirklich in stimmiger Verbindung sind. Hüther ist hoffnungsvoll, dass wir zur Umkehr fähig sind, wenn wir unsere Haltungen und Überzeugungen verändern und die »angeborene Freude am eigenen Entdecken und Gestalten sowie Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen« wiederbeleben1.

Anregungen zur Gelassenheit
In meiner Beratungs- und Trainingsarbeit mit Führungskräften und Managern ist immer wieder die Rede davon, wie relevant es ist, in beanspruchten Zeiten den Selbststand zu behalten. Was ist damit gemeint? Burnout oder andere stressbedingte Beeinträchtigungen und Erkrankungen entstehen meist aus dem Zusammenspiel von Situation und Person, also durch belastende Rahmenbedingungen, die auf eine individuelle Disposition von Menschen treffen. Wir haben zwar nicht immer Einfluss auf strukturelle Rahmenbedingungen, wohl aber auf unsere innere Stellungnahme diesen Umständen gegenüber. Ein differenziertes Wissen über sich selbst, die Bewusstheit in Bezug auf die Dinge, die mir gut tun oder mich stressen, ist Voraussetzung für eine klare Haltung. Um Selbststand zu gewinnen, ist es hilfreich zu erkennen, welche Quellen Halt und Kraft geben.

Der Psychotherapeut Alfried Längle2 sieht vier Grundquellen, die Festigkeit und Halt geben können: Zum einem beziehen wir aus uns selbst heraus Halt, aus unseren eigenen Fähigkeiten und gemachten Erfahrungen. Dann ziehen wir aus Beziehungen, die Verbindlichkeit und Treue beinhalten, innere Festigkeit. Die dritte große Haltquelle sind strukturelle Komponenten wie Rituale, Traditionen, feste Tagesabläufe, Regelmäßigkeiten. Letztlich beziehen wir inneren Halt aus dem, was wir Glauben nennen, sei es an Gott oder aus Lebensanschauungen. Aus all diesen Quellen entsteht das Gefühl des »Gehalten-Seins«, das wir benötigen, um belastende Arbeits- und Lebensumstände gesund zu überstehen.

Eine alte Erkenntnis sagt, je mehr wir gefordert sind, umso mehr brauchen wir eine gesunde Distanz zu den Ereignissen. Franz von Sales, Gründer des gleichnamigen Ordens, kleidet diese Erkenntnis in folgende Worte: »Nimm dir jeden Tag eine halbe Stunde Zeit zum Gebet (oder Meditation), außer wenn du viel zu tun hast, dann nimm dir eine Stunde Zeit«. Der Theologe und spirituelle Begleiter Pierre Stutz nennt dieses Tun den Weg der »engagierten Gelassenheit«3, was für ihn bedeutet, «dass ich mir innere und äußere Räume schaffe, in denen ich Distanz zum Alltag herstelle, um zu merken, was in mir und um mich herum vorgeht«.

Gerade Menschen, die hohen Belastungen ausgesetzt sind, hilft ein tägliches Ritual, um die lebensbehindernden Mechanismen zu durchbrechen und Gelassenheit zu üben. Dies kann eine Meditation sein, das Hören von Musik, das achtsame Gehen in der Natur, eine Zeit der Stille oder zweckfreies Sinnieren – kurz absichtsloses Tun. «Gelassen der Mensch, der darauf vertraut, dass es wohl auf ihn ankommt, jedoch Wesentliches nicht von ihm allein abhängt«3.

Der Benediktinermönch Pater David Steindl-Rast4 hat eine Beobachtung zu unserem Umgang mit der Zeit gemacht: Der Grund, weshalb wir uns keine Zeit nehmen, ist das Gefühl, dass wir in Bewegung bleiben müssen. Eine Kettenreaktion bedroht uns: Überarbeitung, Überstimulation, Überkompensation, Überfrachtung. Wir müssen uns der ganzen Vorstellung von Zeit auf eine neue Art nähern und die Seele ruhig werden lassen. Dies gelingt zum Beispiel beim Zazen, eine im Westen häufig praktizierte Meditationstechnik. »Einfach dasitzen, ohne irgendetwas zu tun, die Aktivität rausnehmen, wahrnehmen, die Atmung spüren und einmal nur da sein«, wie es der Theologe und Neuropsychologe Christian Hoppe ausdrückt5. Es geht um ein Gegenwärtig-Sein im Hier und Jetzt.

Oft ertappen wir uns, nicht einen Moment zum Verschnaufen zu kommen. Beschäftigt man sich eingehend mit dieser Aussage, fällt auf, dass »wir einfach nicht daran gedacht haben, einen Augenblick inne zu halten, um uns zu orientieren, uns im Körper zu verankern, den Atem zu fühlen«6. So beschreibt der Verhaltensmediziner und Meditationslehrer Jon Kabat-Zinn dieses uns vertraute Geschehen. Sein Lösungsansatz ist das Training der Achtsamkeit. Eine Fähigkeit, die es ermöglicht, »in jedem Moment zu erkennen, was wir wirklich tun und fühlen«. Mit dieser Bewusstheit können wir entscheiden, im selben Tempo weiterzumachen oder besser einen Gang zurückzuschalten.

In unserer Beschleunigungsgesellschaft kommt die Muße, einst die höchste Lebenskunst, zunehmend abhanden. Dabei haben Hirnforscher und Psychologen herausgefunden, dass Phasen absichtslosen Nichtstuns für Menschen bedeutsam sind7. Es gilt also, eine gute Balance zwischen Arbeit und Muße zu finden. Als Faustformel kann gelten: Wir erholen uns dann, wenn wir genau das Gegenteil vom Vorherigen machen. Waren wir in Anspannung, hilft uns das Umschalten in Entspannung. Waren wir viel mit rationalen Dingen beschäftigt und geistig gefordert, bringt das emotionale Genießen, das Leben von Beziehung, das Hören auf Herzenswünsche die nötige Erholung und Muße.

Die Fähigkeit zur Gelassenheit will »erarbeitet« werden. Sie ist nicht nur Begabung, sondern eine lebenslange Aufgabe: Es geht darum, gelassen zu werden.

 


(1) Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein könnten. S. Fischer Verlag 2012
(2) Alfried Längle: Lehrbuch zur Existenzanalyse. Facultas. Wien 2013
(3) Pierre Stutz: Meditationen zum Gelassenwerden. Herder Spektrum 2001
(4) David Steindl-Rast, OSB: Erinnerungen an die letzten Tage von Thomas Merton im Westen
(5) Ulrich Schnabel. Die Vermessung des Glaubens. Pantheon Verlag 2010
(6) Jon Kabat-Zinn: Zur Besinnung kommen. Arbor Verlag 2006
(7) Ulrich Schnabel: Muße. Die Wissenschaft vom Nichtstun. Blessing Verlag 2010

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