Der reife Manager. Eine vernachlässigte Kategorie


Volatile Marktbedingungen, schnelle Veränderungszyklen, komplexe Organisationsumfelder und fordernde Mitarbeiter schaffen heute vieldeutige Kontexte, die Manager vor große Herausforderungen stellen. Diese Zeiten und Rahmenbedingungen benötigen reife Führungskräfte, Menschen mit gewachsenem Lebensvertrauen, mit ausgebildeter Lebensklugheit und gesundem Menschenverstand (Common Sense).

Was ist Reife?
Unser menschliches Leben ist ein dauerndes Werden. Von daher sind wir Menschen auch nie ganz »ausgereift«. Menschliches Wachsen und Reifen ist also ein prozesshaftes Geschehen und vollzieht sich im Wechselspiel von Anlage und äußeren Einflüssen (Umwelt). Es ist gekennzeichnet durch einen Kompetenzgewinn, durch ein Mehr an Vermögen und an Können. Anders ausgedrückt handelt es sich um einen Prozess des »Erwachsen«-Werdens. Eine reife, erwachsene Persönlichkeit verfügt über Vernunft, Autonomie, Eigenverantwortlichkeit und zeichnet sich durch eine selbstständige Beherrschung der Lebensführung aus.

Noch differenzierter beschreibt der Logotherapeut Alfried Längle1 menschliche Reife. Nach seinen Forschungen lässt sich beim Menschen eine kognitive, emotionale, moralische und existenzielle Reifung beobachten. Der reife Mensch betrachtet die Welt durch die Brille der »Nüchternheit« und nimmt die Gegebenheiten an, wie sie sind (kognitive Reife). Er steht in Beziehung zum Leben, hat einen Zugang zu seinen Gefühlen und kann sich auf Beziehungen und Werte einlassen (emotionale Reife). Er steht zu sich selbst, kann das Eigene authentisch vertreten, sein Handeln verantworten und anderen Menschen offen begegnen (moralische Reife). Letztlich fühlt er sich als Person und in seinem Wirken eingebettet in größeren Zusammenhängen und ist auf eine konstruktive, sinnvolle Zukunft ausgerichtet (existenzielle Reife).

Der Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger2 fügt diesem Bild noch weitere Aspekte hinzu. Reif oder weise sein zeigt sich für ihn in der Fähigkeit, Distanz zu gewinnen zu sich selbst und zu den vielen vermeintlich wichtigen Dingen des Alltages. Zeigt sich weiterhin im Vermögen, die Welt, das Leben, die Arbeit und die Menschen aus immer wieder neuen Perspektiven betrachten zu können. Zeigt sich im Interesse und an der Freude an schönen Dingen, an Musik, Literatur und Religion. Zeigt sich auch in der Fähigkeit, sich nicht von Sorgen niederdrücken zu lassen und die Kunst des Loslassens zu beherrschen. Wer festhält, hindert sich am Wachsen und Reifen, so Willigis Jäger.

Woran erkennt man unreife Menschen?
Unreife Menschen, so die Logotherapeutin Boglarka Hadinger3, erkennt man z.B. an einer extremen lch-Orientierung, die sich in der Unfähigkeit ausdrückt, vom anderen her zu denken. Menschen mit wenig Reife zeigen sich meist unfähig auf Augenblicksbefriedigungen für einen größeren Wert zu verzichten und flüchten vor Verantwortung. Sie sind mehr am Nutzen als am Sinnhaften orientiert und geben sich häufig beratungsresistent. Letztlich, so die Therapeutin, stellen sie sich selten die Frage, ob etwas dieser Welt gut tut oder schadet.

Für den amerikanischen Hochschullehrer und Psychotherapeut Thomas Moore4 ist der auch in Managerkreisen häufig zu beobachtende Narzissmus ein Zeichen von Unreife. »Ein narzisstischer Mensch will – auf unbeholfene Weise und letztlich vergeblich – ein Besonderer sein. Dazu muss er sein Vorhandensein eigens herauskehren: Seht, was ich alles kann! Ich bin etwas Besonderes, ich bin auserwählt, liege in allem richtig und du nicht. Der Narzisst glaubt zu wissen, wie alle anderen zu denken und zu leben haben – nämlich so wie er. (…) Der Narzisst ist nicht fähig, sich in die Gemeinschaft einzubringen. Er träumt davon, außergewöhnlich und aufsehenerregend erfolgreich zu sein.« Dieses übersteigerte Ego lässt anderen wenig Raum und setzt seine Lebensenergie weniger zum Wohle des Unternehmens bzw. der darin tätigen Menschen ein, sondern an der eigenen Auszeichnung.

Worin zeigt sich menschliche Reife im Führungsalltag?
Eine reife Persönlichkeit lebt und führt auf Basis dessen, was wir Common Sense nennen. Seinen gesunden Menschenverstand anzuwenden heißt, so der bekannte Benediktinerpater David Steindl-Rast, der über dieses Thema ein lesenswertes Büchlein verfasst hat, gemäß etwas »Verstandenem« zu leben. Heißt, mit beiden Füßen in der Welt zu stehen und die Dinge nicht nur mit dem Verstand und der Vernunft zu betrachten, sondern auch mit dem Herzen. Common Sense lebt von einer Einheit von Kopf und Herz: »Gesund kann unser Menschenverstand nur sein, wenn er sich nicht allein im Hirn befindet, sondern von Herzen kommt – vom Herzen als dem innersten Lebensbereich, in dem wir mit allem Leben auf der Welt zutiefst eins sind«, so Steindl-Rast.

Ein Mensch, der aus dem gesunden Menschenverstand lebt, empfindet Freud dabei, seine Weisheit mit allen anderen zu teilen. Er ist bereit, von anderen zu lernen, genau wie auch er an andere etwas weitergeben kann. Er erfreut sich an der Vielfalt und Andersartigkeit menschlicher Individualität und gönnt anderen ihren Erfolg, den er tatkräftig fördert. Dieser Sinn für das Gemeinsame und das Gespür dafür, dass sich nur in Beziehungen entdecken lässt, wer und was man ist, ist wohl die zentrale Kompetenz von Führenden im 21. Jahrhundert.

Im Gegensatz zum egozentrierten Narzissten, der sich zum Mittelpunkt der (Unternehmens-) Welt erklärt, hat der Common Sense-Manager verstanden, dass es am besten gelingt, seinem eigenen Leben Sinn zu geben, indem wir zum sinnvollen Leben eines Mitmenschen beitragen. Dazu gehört auch, sich selbst weniger wichtig zu nehmen. »Wer sich selbst nicht mehr so wichtig nimmt, atmet freier und gewinnt erst von da aus in der Einschätzung anderer wirklich an Gewicht«, beobachtet der schon zitierte Steindl-Rast.

Ein weiteres Erkennungszeichen menschlicher Reife ist die Gesprächsfähigkeit. Sie zeigt sich in einer souveränen Kommunikation, die getragen ist von einer DU-Orientierung, konstruktiven Konfliktfähigkeit und der Tugend der Demut. Diese Tugend zeigt sich auch im Umgang mit Macht. Macht in unreifer Hand korrumpiert. Autoritäre Macht hat Angst davor, hinterfragt zu werden. Echte Autorität dagegen lässt sich anfragen und nutzt seine Macht dazu, Menschen zu fördern, damit sie eigenständig werden. Dieses Ermächtigen zeichnet reife Manager aus.

Auf das Thema Achtsamkeit weist der Jesuit und Managerberater Niklaus Brantschen5 hin. In einem Interview plädiert er dafür, dass Manager sich in der Kunst der Achtsamkeit üben, im »achtsamen Wahrnehmen von Leben in all seinen Formen, kluges Urteilen und entsprechendes Handeln zum Wohle aller, Umwelt und Nachwelt eingeschlossen.« Denn nur wenn der Mensch bei sich ist, so Brantschen, kann er auch ganz bei den anderen und bei der Sache sein. Menschen, die in sich ruhen, bedürfen auch weniger des ständigen Zuspruchs von außen, der sie in Abhängigkeit hält und unfrei macht, gute Entscheidungen zu treffen. Darüber hinaus lebt der reife Manager aus einem Gefühl der Dankbarkeit und in dem Bewusstsein, dass nichts selbstverständlich ist in diesem Leben.

Letztlich übt sich ein reifer Manager in der Kunst der Selbstreflexion und ist neugierig und offen für das Feedback seiner Kollegen und Mitarbeiter. Nur wenn wir unsere Wirklichkeitskonstruktionen immer wieder im Dialog mit anderen hinterfragen und überprüfen, sind wir in der Lage, uns weiter zu entwickeln und die Gefolgschaft unserer Mitarbeiter zu erlangen.

Lassen wir zum Schluss die Autorin Christina Löwe6 zu Wort kommen: »Die Führungskräfte von morgen aber, die in einer digitalisierten Wirtschaft mehr Komplexität denn je aufnehmen und verarbeiten, Innovationen und Kreativität fördern müssen und Menschen ohne Hierarchien führen wollen, stehen vor neuartigen und großen Herausforderungen. Ihnen, ihren Teams und Mitarbeitern ist zu wünschen, dass das Thema Reife daher in Zukunft eine Rolle spielen wird.«
 


(1) Alfried Längle: Phasen im Erwachsenenleben? – Entwicklung und Werden jenseits der Determination bso – Berufsverband für Coaching, Supervision und Organisationsberatung Schweiz – Journal 2, 6-10 (2014)
(2) Willigis Jäger: Das Leben endet nie. Über das Ankommen im Jetzt. Herder Verlag. 2005
(3) Boglarka Hadinger: Mit dem Leben reifen. Interview in Welt der Frau Nr. 4|2009
(4) David Steindl-Rast: Common Sense. Die Weisheit, die alle verbindet. Claudius Verlag. München. 2009
(5) Niklaus Brantschen. Ein Leader brennt für eine Sache, ohne auszubrennen. Interview in KMU Magazin. Nr. 10|2015
(6) Christina Löwe: Warum gute Führung persönliche Reife voraussetzt. In EDITION F. Artikel vom 22.01.2016

Ihr Trainer

Gerhard Herb
Geschäftsführer, Trainer und Coach

▶ Zum Trainerprofil