Polaritäten. Die Einheit hinter den Gegensätzen


Das Polaritätsprinzip gehört zum Urwissen menschlicher Gesellschaften. Die Beschäftigung mit dem Thema kann uns einen ganzheitlicheren Blick auf die Welt vermitteln und für den Führungsalltag nützliche Anregungen geben. 

Als Führungskraft haben wir täglich Entscheidungen über Menschen zu treffen. Wir stellen Menschen ein und aus, entscheiden über Beförderungen, beurteilen die Arbeitsleistung, das Potenzial und die Eignung von Mitarbeitern. Um solche Entscheidungen treffen zu können, müssen wir uns Bilder von den Menschen machen, ihre Persönlichkeit erfassen. In der Regel tun wir das auf Basis der intuitiven Menschenkenntnis, indem wir deren Verhalten beobachten und daraus auf bestimmte Eigenschaften schließen.

In diesem Vorgang suchen wir Klarheit und finden sie in der wertenden Unterscheidung: Diese Eigenschaft ist eine klare Stärke, jene eine klare Schwäche. Dieses Verhalten ist gut, jenes schlecht. Diese Art des Denkens nennen wir das Entweder-oder-Denken. Sie bringt zwar Klarheit, ist aber trennend und verstellt den Blick auf die Ganzheit.

Was verstehen wir unter Polarität?
Die alternative, vielleicht reifere Denk- und Betrachtungsweise ist das polare Denken. Den Begriff der Polarität kennen wir aus den Naturwissenschaften, der Philosophie, Psychologie und Religion. Laut Wikipedia1 ist der Begriff Polarität ein Ausdruck für das Verhältnis sich gegenseitig bedingender Größen, die in einem komplementären Verhältnis zueinander stehen.

Die Grundlage des polaren Denkens ist die Erkenntnis, dass unser Bewusstsein, mit dem wir die Welt erfahren und erfassen, polar angelegt ist. Wir erfahren Gegensätze wie Ich und Du, oben und unten, innen und außen, männlich und weiblich. Wir symbolisieren Himmel und Hölle. Wir kennen Plus- und Minuspole in der Physik und haben eine räumliche Orientierung zum Nord- und Südpol.

Das Beispiel des Atmens vermag uns verdeutlichen, dass das Leben durch das Zusammenspiel von Gegensätzen entsteht. Ein- und Ausatmen ist eine Grunderfahrung des Menschen. Eine Polarität, ein Rhythmus wie es der Psychotherapeut T. Dethlefsen2 nennt, der nur auftaucht, wenn die beiden Pole zusammenarbeiten. Ein Pol bedingt den anderen und nur im Zusammenspiel entsteht Lebendigkeit. Unser Lebensrhythmus ist also nichts anderes als ein Wechselspiel zwischen jeweils zwei Polen, die sich wechselseitig bedingen und gerade in ihrer Gesamtheit erst unsere Wirklichkeit ausmachen.

Polarität als Kategorie der Charakterkunde
Das Polaritätsprinzip wird in der psychologischen Literatur vor allem bei T. Dethlefsen direkt angesprochen, aber auch F. Riemann3 und C. G. Jungbeziehen sich in ihren Überlegungen zur menschlichen Psyche auf ein Denken in komplementären Gegensätzen.
Im Bereich der Persönlichkeitserfassung und -entwicklung findet polares Denken erst seit einigen Jahren eine weitergehende Beachtung und Anwendung5, vor allem bei F. Schulz von Thunsowie W. Eberle7. Das Polaritätsdenken findet hier seine Verbildlichung in der Figur des »Werte- oder auch Entwicklungsquadrats«. Diese Darstellung macht deutlich, dass menschliche Wertvorstellungen, innere Strebungen und Orientierungen, die man als persönliche Eigenschaften bezeichnet, sich komplementär zueinander verhalten. Deshalb ist es nach Eberle wenig sinnvoll, isoliert über eine Charaktereigenschaft eines Menschen zu sprechen, weil gewollt oder ungewollt immer die komplementäre Zwillingseigenschaft (Schwestertugend) mitbetrachtet wird.

Ein Beispielzur Verdeutlichung dieser Gedanken: Ein zentrales Anforderungskriterium in der Arbeitswelt ist die bevorzugte Arbeits- und Lebensform eines Menschen. Im Wertequadrat kann man eine dazugehörende Charaktereigenschaft als Ausgangspunkt nehmen und durch sprachliche Umformung und Ergänzung am Wortstamm leicht die gegensätzliche Eigenschaft entwickeln.

So entsteht in unserem Beispiel aus der Eigenschaft »selbstständig« der Gegenbegriff »unselbstständig«. Man braucht jetzt nur noch die positive Vorderseite von unselbstständig und die negative Rückseite von selbstständig zu finden und hat das Wertequadrat vervollständigt. So entsteht auf der Rückseite von selbstständig der übertrieben selbstständige Mensch in seiner eigenwilligen Art und auf der Vorderseite von unselbstständig entsteht der gruppenorientierte Mensch, der lieber gemeinsam arbeitet oder gemeinsam etwas unternimmt.

Das Wertequadrat
Der volle charakterologische Inhalt des Polaritätsprinzips erschließt sich noch mehr, wenn man das Prinzip in der Form eines Verhaltenskontinuums darstellt.

▶ Link zur Grafik Wertequadrat

Das Verhaltenskontinuum
Im Verhaltenskontinuum wird sichtbar gemacht, dass je stärker eine Eigenschaft ausgeprägt ist, desto mehr wird die gegenteilige Eigenschaft verkümmern. Jede Stärke als Ausdruck einer einseitigen Orientierung enthält somit immer zugleich eine potentielle Schwäche. Und an jeder Schwäche, die als Defizit der unterentwickelten Zwillingseigenschaft in Erscheinung tritt, hängt eine momentan nicht erkennbare latente Stärke. Stärke und Schwäche sind also wie Licht und Schatten.

▶ Link zu Grafik Verhaltenskontinuum

Der Mensch braucht für seine Existenz beide Seiten, weil sie ihm durch die unterschiedlichen Lebensanforderungen abverlangt werden. Zwar nie beide zu einem Zeitpunkt, aber oft doch in kurzer Abfolge und schnellem Wechselspiel.

Implikationen für das Führungshandeln
Eine polare Betrachtungsweise menschlicher Eigenschaften verhindert, dass wir den entgegengesetzten Pol lediglich in seinen Schattenaspekten wahrnehmen und beschreiben. Wir blicken ganzheitlicher auf den Menschen und lernen, seine Persönlichkeit mit einer positiven Sichtweise zu belegen. Dies stärkt das Selbstwertgefühl und eröffnet die Möglichkeit, in konstruktiver Weise an der Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten.

Mit dem Wertequadrat haben Führende ein Handwerkszeug, das aufzeigt, was passiert, wenn wir eine Eigenschaft überbetonen oder kontextunangemessen zeigen. Durch die überzogene Einseitigkeit wird eine an sich positive Eigenschaft zum Handicap und zur Schwäche. Die Schwäche liegt darin, dass der Mitarbeiter wegen der damit verbundenen Unterbelichtung und Verkümmerung der komplementären Zwillingseigenschaft den Anforderungen auf der Gegenseite nicht mehr gerecht werden kann und dann unangemessen handelt.

Schulz von Thun spricht in diesem Zusammenhang von »des Guten zu viel« und macht deutlich, dass eine polare Betrachtung menschlicher Eigenschaften die Möglichkeit eröffnet, sich konstruktiv über Persönlichkeitsentwicklung zu verständigen anstatt beim Tadeln und Ausmerzen stehen zu bleiben. Sein Beispiel ist das Thema, wie Menschen unterschiedliche Interessen und Vorstellungen abgleichen. Statt einem Menschen zurückzumelden: »Du bist egoistisch«, kann die Botschaft lauten: »Du hast einen klaren Blick für deine Interessen und Bedürfnisse und eine enorme Fähigkeit, sie auch durchzusetzen! Allerdings besteht die Gefahr, dass du hier des Guten zu viel verwirklichst und dass das zulasten der Fähigkeit gehen kann, zugleich auch einen fairen Blick auf die Bedürfnislage deines Gegenübers zu haben«[9].

Dieses konstruktive Feedback auf Basis des Wertequadrats enthält drei Komponenten: die Würdigung der Persönlichkeit, den Gefahrenhinweis bei einseitiger Überbetonung und die Andeutung einer konstruktiven Entwicklungsrichtung. Dieser Dreischritt, der so nur im polaren Denken möglich ist, eröffnet dem Menschen die Möglichkeit, sein Verhalten kontextangemessen zu erweitern.

Implikationen für die Persönlichkeitsentwicklung
Unterscheidendes Denken im Sinne von »entweder oder« verhindert unsere Weiterentwicklung und Reifung, weil es zu einer Unfähigkeit führt, unsere gegenwärtige Position zu transzendieren. Die Landkarte der Polaritäten lädt im Gegensatz dazu ein, die Weisheit dessen zu untersuchen, die in etwas Unerwünschtem liegen kann, die möglichen Schattenseiten von etwas Wünschenswertem zu untersuchen, diejenigen Aspekte von Wirklichkeit zu erfassen, welche bei der Bevorzugung eines Poles ausgeschlossen, verleugnet oder nicht voll anerkannt wurden.

Auf der polaren Gegenseite unseres Persönlichkeitsstandortes liegen unsere Lebensherausforderungen. Zu reifen bedeutet in diesem Kontext, den Gegenpol zu integrieren; das heißt, unser inneres Feindbild abzubauen und die komplementären, uns ergänzenden Qualitäten des Gegenpols, zu sehen und zu trainieren.

 


(1) Wikipedia de.wikipedia.org/wiki/Polarität
(2) Thorwald Dethlefsen. Polarität und Einheit - Urwissen der Menschheit. Aurinia Verlag. 2015
(3) Fritz Riemann. Grundformen der Angst. Reinhardt Verlag. 2009
(4)  C. G. Jung. Psychologische Typen. Rascher Verlag. 1921
(5) Fritz Westermann. Entwicklungsquadrat. Theoretische Fundierung und Anwendung. Hogrefe Verlag. 2007
(6) Vgl. Friedemann Schulz von Thun u.a. Miteinander reden. Kommunikationspsychologie für Führungskräfte. Rowohlt Taschenbuch Verlag. 2000
(7) Vgl. Walter Eberle. Das KEH-System und sein Interviewverfahren bei Personaleinstellungen. In Fritz Westermann. Entwicklungsquadrat (Seite 45 - 57)
(8) Entnommen aus: Walter Eberle. Erwin Hartwich. Brennpunkt Führungspotential. FAZ Verlag. 1995
(9) Zitiert aus einem Manuskript von Friedemann Schulz von Thun: Von wem stammt das Werte- und Entwicklungsquadrat?

Ihr Trainer

Gerhard Herb
Geschäftsführer, Trainer und Coach

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